Mückenarmeen, Videochats und das schrecklich schwere Leben

Griechenland jenseits des Tourismus

Griechenland. Was ist das für ein Ort? Wenn ich mir meine Fotos von letztem Jahr anschaue, dann sehe ich wunderbar farbige Sonnenaufgänge an traumhaften Stränden. Ich sehe Gruppen von lachenden Menschen, Restaurants mit Meerblick, flirrende Sonne über gelben Feldern, die hellen Häuser von Athen. Ich sehe alles, was man sich für einen Urlaub nur wünschen könnte. 

Aber Tobi und ich, wir waren nicht zum Urlaub machen da. Wir sind in dieser Zeit gereist mit dem Ziel, einen Ort wirklich tief zu verstehen. Hinter die Kulissen zu schauen. Den unbequemen Weg zu gehen. Wir wollten das andere Griechenland sehen, jenseits der Postkartenmotive.

Eine neue Form von Traurigkeit 

Es gibt einen sehr einfachen, aber auch sehr radikalen Schritt hinaus aus der Touristen-Bubble: Kein Geld auszugeben. Genau das haben wir für ein paar Wochen - mehr oder weniger konsequent - getan. Wir haben Autostopp gemacht, obwohl alle uns gesagt haben, das funktioniere in Griechenland nicht. Wir haben manchmal am Strand oder in den Olivenhainen geschlafen. Wir haben mit Geflüchteten neben einer Busstation gecampt. Wir haben Menschen getroffen, die normale Touristen nie kennenlernen würden. Und wir haben die Menschen, denen man sonst als Touristen begegnet, von einer ganz anderen Seite erleben dürfen. 

Wenn ich meine Fotos anschaue, dann sehe ich einen perfekten Urlaub. Tatsächlich war es eine intensive, oft anstrengende und gelegentlich auch deprimierende Zeit. Eine Zeit, die mich gleichzeitig auch viel über Freiheit gelehrt hat.

Es ist zu viel, um es in einem Blogartikel zusammenzufassen. Deshalb möchte ich hier mit einer dieser Erinnerungen  beginnen, die an sich bedeutungslos sind und doch auch viel später noch eine seltsame Intensität besitzen. Dem Klischee nach zu urteilen, sind Griechen sehr fröhliche Menschen. Aber in dem Griechenland, das ich bereist habe, ist mir eine Form von Traurigkeit begegnet, die ich noch nirgendwo sonst in dieser Intensität erlebt habe. Eine Traurigkeit, die ich hier nicht kommentieren, nicht bewerten oder analysieren werde; ich will nur davon erzählen. 

Als hätte jemand versucht, ein Gebirgsrelief einzugravieren

Sobald es Tag wird, wird die Luft so heiß, dass es ist, als würde ich mit jedem Schritt gegen eine wattige Wand angehen. Manchmal bin ich schrecklich müde, habe das alles satt und wünsche mir, wieder irgendwo zu bleiben. Irgendwo hinzuzugehören, und das alles hier einfach wieder sein zu lassen. 

Tobi und ich haben Athen schließlich verlassen und uns in Thiva absetzen lassen. Nach einer knappen Stunde in einem der unscheinbaren Straßencafés wurden wir von einem schwerfälligen, alten Mann namens Georgios aufgesammelt, den rechten Fuß in einem Verband und die Falten auf der Stirn so tief eingegraben, als hätte jemand versucht, dort ein Gebirgsrelief einzugravieren. Nje pak giro, schlug er uns in gebrochenem Albanisch vor, einen kleinen Spaziergang. Er sagte nicht, wohin und wir fragten auch nicht- 

Es endete damit, dass wir den ganzen Abend durch die Gegend fuhren, in eine Kneipe, eine Autowerkstatt und zu sämtlichen verfügbaren Aussichtspunkten, während wir eine Zigarette nach der anderen rauchten. Sehr spät kamen wir in einem kleineren Dorf an, irgendwo auf einem Hügel und aßen in einem stillen Restaurant zu Abend, vor dem eine ganze Armee aus mageren, bunten Katzen saß und uns erwartungsvoll anstarrte. Der Besitzer schien genauso mürrisch wie Georgios. Keine Touristen, erklärte Georgios, nix los, und dann warf er den Stummel seiner Zigarette auf die Straße, obwohl auf dem Tisch ein Aschenbecher stand, so wie er das mit allem Müll tat: Er schleuderte ihn von sich, in einer Geste, als schmeiße er ihn jemandem vor die Füße, als wolle er vor dem Leben ausspucken. 

Ein Zimmer voller staubiger Kuscheltiere 

Am selben Abend, auf der Rückbank des Pick-Ups, habe ich mit ein paar Freunden von früher telefoniert. Die gleiche Bewunderung, das gleiche Befremden über mein Leben wie immer schon. Irgendwie schön zu sehen, wie erwachsen sie alle geworden sind, wie sie nun auch begonnen haben, ihr eigenes Leben zu leben. Zugleich sind sie alle jetzt schon so krank. Wie sie da sitzen und darüber reden, wer welche gesundheitlichen Beschwerden hat, wann sie wohl endlich ihren Impftermin bekommen und wie das schneller gehen könnte und sich so viele andere Fragen längst nicht mehr stellen. Es ist etwas in ihren Gesichtern, ihren Bewegungen, das mir sagt, dass sie alle in zwanzig, dreißig Jahren schon schrecklich alt sein werden, mit irgendwelchen Gesundheitsproblemen kämpfend, vor dem Leben schon halb resigniert, weil die Dinge, vor denen sie die Augen verschließen müssen, längst zu einem unerträglich großen Haufen angewachsen sind. 

Währenddessen schaue ich auf mein eigenes Leben, in dem ich mich vor Herausforderungen stelle, deren Sinn ich erst viel später vielleicht benennen kann und sehne mich nach Ruhe. Schließlich brachte Georgios uns zu einem unbenutzt wirkenden Haus, in dem der rußige Putz von den Wänden blätterte, in ein Zimmer voller staubiger Kuscheltiere, ein deutlich ungeliebtes Haus, und er saß an dem vollgestellten Tisch im Wohnzimmer, chattete mit seinem Bruder in Österreich und ein paar Tränen liefen seine Wangen hinunter. Malaka, sagte er, und weil er sowieso schon die ganze Zeit „malaka“ sagte und das Wort mittlerweile seine Wirkung verloren hatte, fügte er hinzu: Andreas super malaka. Und dann versuchte er, uns mit Händen und Füßen und in einem Mix aus Griechisch und Albanisch die Verletzungen zu erklären, die sein Bruder bei einem Autounfall davongetragen hatte. 

Nach einer Weile gingen wir schlafen und Tobi breitete vorsichtigerweise seine Wolldecke über dem Bett aus. Wer allerdings außer uns noch ins Zimmer kam, waren die Mücken. Immer mehr davon kamen durch das löchrige Fliegengitter. Noch nie habe ich so viele Mücken auf einmal gesehen. Sie saßen überall an den Wänden, die Luft war von ihrem Surren erfüllt und auch die langen Kleider, unter denen ich in dem stickigen Zimmer noch mehr schwitzte als sonst, halfen nichts, denn es blieben immer noch Hände, Füße und Gesicht als Angriffsfläche.

Luftküsse, die vielleicht auch Ausspucken bedeuten 

Als es draußen endlich hell wurde, begann ich im Zimmer auf und ab zu gehen, um von dem Jucken nicht verrückt zu werden. Schließlich schob ich den Stuhl unter der Klinke beiseite und ging durch das halbdunkle, leere Haus nach draußen. Und da, in einem verbeulten Auto, einem anderen als am Abend zuvor, unter dem Aprikosenbaum, dessen überreife Früchte überall auf der Straße lagen, saß Georgios und rauchte. Kalimera, sagte ich. Er gab mir eine Zigarette. Kaffee?, fragte er. Und so saß ich dann, übermüdet an Tobi gelehnt, in einem Tankstellencafé, während hinter den Hügeln langsam die Sonne herauskam und von den Wiesen ein Geruch von frisch geschnittenem Gras herüberwehte. 

So ging der Tag vorbei, mit süßem, heißen Blätterteiggebäck und Wein morgens um zehn, mit Sekundenschlaf und ein paar neuen, griechischen Worten und Georgios, den die Mücken auch wachgehalten haben, der jetzt noch mürrischer ist und der uns versprochen hat, uns ein Stück weit die Halbinsel hinaufzufahren, aber es damit nicht sonderlich eilig zu haben scheint. Georgios, der mir ständig befiehlt, mehr zu essen und zu trinken, der uns sagt, wir seien verrückt, was wollten wir denn hier. Der auf Facebook mit Frauen videochattet, die Augen aufreißt, sich mit der Zunge über die Lippen fährt und Luftküsse gibt, die vielleicht auch Ausspucken bedeuten. Malaka, sagt er, wenn er das Handy schließlich weglegt, Hure. Dann kippt er sein Wasserglas in den Blumenkübel und ruft die schöne Kellnerin an den Tisch, um ein neues zu bestellen. Und Tobi und ich verbringen den Nachmittag alleine im selben Café und versuchen, zu arbeiten, in einer Hitze, die schwindelig macht. 

Gegen Abend fuhr Georgios uns dann endlich ein Stück die Landzunge hinauf, sagte noch einmal, dass wir verrückt seien und dass wir ihn anrufen sollten, wenn wir Probleme hätten und ließ uns dann zwischen aufgerissenen Feldern und Olivenhainen zurück. Wir sind dann noch mit einem schweigsamen Griechen bis nach Strofilia getrampt und als wir dort angekommen sind, war es schon Nacht und der volle Mond stand am Himmel.