„Und wenn jetzt jemand mit einer Waffe auf dich zielt?“ 

Über Geld, Distanz und die Illusion von Unangreifbarkeit 

Nach meinem letzten Artikel hat meine Mutter mich gefragt: „Und was ist jetzt die Botschaft? Dass das Leben ohne Geld deprimierend ist?“ Die Wahrheit ist: Das ganze hatte an sich überhaupt keine Botschaft. Ich fand es nur interessant, einem so seltsamen und deprimierenden Erlebnis einen Platz in meinem Blog zu geben, eben weil ich einen Reiseblog und keinen Tourismusblog schreiben möchte. Irgendwie hat es bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen und mir einmal mehr gezeigt, wie gefährlich Resignation ist. Es mag langsam anfangen, in kleinen Schritten, oder es kommt mit einem großen Knall, aber am Ende sitzen wir da und schleudern unsere Zigarettenstummel auf die Straße, weil es eh keinen Unterschied macht, weil wir selbst und die Welt ein anderes Verhalten nicht mehr verdient haben. 

Mit dem Reisen ohne Geld hat das erst einmal wenig zu tun. Und trotzdem wäre diese Begegnung irgendwie nicht zu erklären und hätte nicht in dieser Weise stattgefunden, wenn wir Geld ausgegeben hätten. Dann wären wir nicht an einer öden Straßenkreuzung in Thiva herumgesessen. Dann hätten wir in einem Hotel oder einer Ferienwohnung übernachtet und nicht in einem Zimmer voller staubiger Kuscheltiere. 

Korfu: In der Drachenbucht

Vor kurzem haben wir, Tobi und ich, auf Korfu diesen bekannten Meditationslehrer getroffen. Im Westen der Insel gibt es eine Bucht, deren Namen ich schon wieder vergessen habe. Ein langer, halb von Seegras bedeckter Strand, ein paar kleine Cafés und Restaurants und draußen im Meer ein großer Felsen, der aussieht wie ein schlafender Drache. Es war Anfang Oktober, die Saison war vorbei und vieles schon zu. Die wenigen Touristen, die noch da waren, waren Europäer mittleren Alters. Frauen und Männer, die barfuß am Strand entlangspazierten, in bunte Tücher gewickelt, mit wachen Augen und einem verklärten Lächeln. 

Als die Sonne schon sehr tief stand, haben wir den Strand verlassen und sind dem Pfad gefolgt, der den Klippen entlang bergauf führt. Und als wir oben ankamen, war der ganze Himmel in leuchtende Rot- und Goldtöne getaucht. In einer schicken Bar mit einer großen Terrasse saßen wieder dieselben Menschen, allein oder in kleinen Gruppen, und betrachteten ruhig das Schauspiel. Und auf einem geflochtenen Sofa direkt vor dem Eingang, an dem jeder vorbeimusste, der auf die Terrasse oder nach drinnen wollte, thronte ein Mann, der eben noch mit einem kleinen Motorroller an uns vorbei bergauf gefahren war. Er trug weiße Häkelklamotten und einen Anhänger mit einem Bild von Jesus um den Hals und als wir die Bar betraten, kamen wir ins Gespräch und setzten uns zu ihm. 

„Was wollen die denn teilen, wenn sie gar nichts haben?“ 

Dieser Meditationslehrer, er redete sehr viel über Geld. Im Laufe unseres zwei- oder dreistündigen Gespräches erwähnte er mindestens zehnmal nebenbei, dass er Millionär sei. Das ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil das eigentliche Thema unseres Gespräches nie Geld war. Aber Geld schien für diesen Mann die Art zu sein, Dinge zu betrachten und seinen Erfolg zu messen und das hat eine gewisse Logik: Geld ist eine materielle Entsprechung von Energie, wer viel Geld bewegt, bewegt viel Energie. 

„Diese ganze alternative Bewegung, die immer alles teilen wollen“, sagte er, „wenn du dir die Leute anschaust, dann siehst du, die haben ja nichts. Was wollen die denn teilen?“ Umso mehr neugierige Fragen Tobi stellte, umso deutlicher wurde der Meditationslehrer in seinen Ansichten. Als das Gespräch schon recht weit fortgeschritten war, bezeichnete er Hausbesetzer als „Schmarotzer“ und da konnte ich sehen, dass Tobi sich zu ärgern begann. 

Nicht lange danach sagte Tobi sogar: „Aber es gibt doch Dinge, die passieren dir einfach, da kannst du nichts tun.“ Obwohl er diese Aussage nie verneinen würde, war sie bemerkenswert, denn es ist keine Position, die er in Gesprächen normalerweise einnimmt. Tobi ist einer dieser Menschen, die auf ihrem eigenen Weg so viele Widerstände überwunden und Dinge gegen jede Wahrscheinlichkeit geschafft haben, dass sie es beinah schon als Infragestellung ihrer selbst zu empfinden scheinen, wenn jemand den Umständen zu viel Bedeutung zumisst. Aber gegenüber diesem Meditationslehrer wurde selbst er zum Anwalt der Gegebenheiten. 

„So etwas passiert mir nicht.“ 

„Nein“, sagte der Meditationslehrer, „wenn du meditierst und damit so weit fortgeschritten bist, dann passieren dir Dinge nicht mehr einfach. Du kontrollierst deine Realität. Mir begegnet nichts mehr, was ich nicht möchte.“ „Und wenn jetzt jemand diese Bar betritt und mit einer Waffe auf dich zielt?“, sagte Tobi. „So etwas passiert mir nicht“, sagte der Lehrer. „Wenn ich jetzt hier mein Buch lesen will, dann hindert mich niemand daran.“ 

Die Diskussion setzte sich noch ein wenig fort und wurde immer hitziger, aber dann holte der Meditationslehrer tatsächlich von einem Moment auf den anderen ein Buch aus seinem Rucksack und begann zu lesen. Er tat, als wären wir nicht mehr da und erst, als ich mich freundlich von ihm verabschiedete und mich für das Gespräch bedankte, schaute er kurz auf und lächelte. Aber er verweigerte Tobi die Versöhnung und obwohl sein Blick viel von seiner Klarheit verloren hatte, sagte er, nein, er könne nicht verletzt werden, Tobi habe sich selbst verletzt und eine einmalige Gelegenheit verpasst. Dann gingen wir und er blieb zurück, mit seinem Buch und dem angefangenen Glas Weißwein, ein Mann mit den Augen eines trotzigen Kindes und der Haltung eines unangreifbaren Gottes. Es war schon dunkel geworden. 

Wer Eintritt bezahlt, darf die Welt als Museum betrachten 

Ich stelle mir vor, dass das Wesen des Geldes sichtbarer wird, wenn man sehr viel davon hat. Ich weiß, dass es sehr viel sichtbarer wird, wenn ich mich ohne Geld durch die Welt bewege. Es ist kein Zufall, dass dieser Meditationslehrer, der sich selbst für unangreifbar und den Umständen enthoben hält, zugleich vom Geld so fasziniert ist. Denn Geld zu haben, verschafft dir genau dieses Gefühl: Unangreifbar zu sein. 

Nirgendwo wird das sichtbarer als beim Reisen. Wenn ich reise und viel Geld ausgebe, dann bin ich nicht gezwungen, mit irgendwem in Verbindung zu gehen. Mit viel Geld habe ich die Freiheit, durch ein fremdes Land zu gehen wie durch ein Museum. Je weniger Geld ich dagegen ausgebe, umso weniger Wahlfreiheit habe ich über meine sozialen Interaktionen. 

In Griechenland, als wir ganz ohne Geld gereist sind, habe ich die Regel einmal gebrochen und bin einen Kaffee trinken gegangen. Bezahlt habe ich nicht für den Kaffee an sich. Mir hat es nie wirklich an etwas gefehlt und wäre es mir nur um das Getränk gegangen, hätte ich dafür nicht unbedingt Geld gebraucht. Wofür ich eigentlich gezahlt habe, war die Freiheit, den Kaffee zu trinken, ohne mich unterhalten zu müssen. 

Was ist wertvoll? 

Geld ist ein unglaublich praktisches und einfaches Mittel, um den Wert der Energie, den ich gebe, zu definieren und festzulegen, was ich dafür erwarten darf. Zugleich ist es nicht sehr akkurat. Wie hoch oder niedrig bestimmte Tätigkeiten bezahlt werden, ist dem Wert dieser Tätigkeit oft gar nicht angemessen. Auf der anderen Seite kann manchmal etwas, für das ich nur ganz wenig Energie gegeben habe, für einen anderen viel wertvoller sein als etwas, für oder an dem ich Stunden und Tage gearbeitet habe. 

Mit dem häufigen Wechsel zwischen Ländern und Währungen merke ich immer wieder, wie willkürlich Preise sind. Und es fällt mir immer schwerer, ein Gefühl dafür zu haben, wie viel oder wenig Geld ich habe, ob etwas gerade ungewöhnlich teuer oder sehr günstig ist. Das Land zu wechseln, das bedeutet jedes Mal auch, das Preis- und Wertsystem neu zu lernen. Ich habe keinen Überblick mehr und auf eine Weise ist diese Verwirrung etwas Heilsames, denn sie schafft Distanz und befreit meine Gedanken ein bisschen aus den Schranken von diesem Wertsystem. 

Denn das ist die Sache: Als ich mit Tobi ohne Geld gereist bin, haben wir deshalb nicht aufgehört, für die Dinge, die wir bekommen haben, etwas zu geben. Manchmal sind es ganz praktische Dinge: Wenn wir essen gehen wollten, haben wir einem Restaurant den Google-Account eingerichtet im Austausch für ein Essen (und sehr oft mehr als einmal zu essen bekommen). Häufig waren es aber gerade die Dinge, die man nicht kaufen kann, die wir gegeben haben. Eine Zeit lang haben wir in Iogoumenitsa in einer verlassenen Uni-Mensa gecampt und schon nach kurzer Zeit hatte sich ein Kreis aus Menschen gebildet, die unaufgefordert regelmäßig zu Besuch kamen und Essen vorbeibrachten. Wir hatten immer Zeit, immer ein offenes Ohr, immer etwas zu erzählen. 

Energieaustausch ist ohne Geld sehr gut möglich, aber es macht alles komplizierter. Es fordert dich, in jeder Situation neu auszuhandeln, was du möchtest und was du geben kannst. Es lässt dir keine andere Möglichkeit, als ständig mit sehr vielen Menschen in Kontakt zu sein. Es lässt dir keine andere Möglichkeit, als dich voll einzulassen und zwar immer, auch dann, wenn es zu viel oder unangenehm ist. Ohne Geld habe ich überhaupt nicht mehr die Wahl, nur noch mit Menschen in Kontakt zu sein, die so aussehen und denken wie ich. Dann verbringe ich Zeit mit Menschen wie Georgios aus dem letzten Blogartikel. Dann erlebe ich, wie essenziell ich auf andere Menschen angewiesen bin. 

Distanz: Kulturtechnik und Illusion 

Was ich letztes Jahr in Griechenland gelernt habe, ist folgendes: Selbst dann, wenn ich glaube, nichts mehr zu haben, kann ich noch unendlich viel geben. Und dann, wenn ich nichts mehr geben kann, taucht in diesem Moment meistens jemand auf, der mir hilft. Einfach so. Was ich aber auch gelernt habe, ist: Geld ist eine wunderbare Sache. Geld zu haben, gibt mir die Freiheit, mich auf andere Dinge zu konzentrieren als das Lebensnotwendige. Geld gibt mir die Freiheit, Distanz einzunehmen. 

Distanz einzunehmen ist eine Kulturtechnik, die viele geniale Ideen und Entwicklungen überhaupt erst ermöglicht hat. Gleichzeitig ist es wichtig zu verstehen, dass Geld uns tendenziell von der Welt distanziert, während es uns vordergründig Dinge erreichbarer und verfügbarer macht. Weder mit Geld noch mit den besten Meditationstechniken wird die Welt tatsächlich zu einem Museum, in dem ich bei jedem Bild entscheiden kann, ob und wie lange ich es mir anschaue. Wir haben unendlich viel Freiheit, unendlich viele Möglichkeiten, aber die Welt ist immer DA. Die Umstände sind da. Ich bewege mich nicht durch einen luftleeren Raum, sondern bin immer mit vielem verbunden. Ich bin eine Masche in einem großen Netz und wenn jemand an einer anderen Stelle rüttelt, dann kann ich nicht verhindern, dass auch ich ein bisschen wackele. 


Wenn du den Artikel über Georgios noch nicht kennst und jetzt neugierig geworden bist, dann lies hier weiter.