Kommen. Bleiben. Gehen.

Das Reisen ist ein Zyklus, eine ewige Wiederholung von Kommen Bleiben Gehen. Man kommt irgendwo an, man bleibt eine Weile und dann geht man wieder und im nächsten Moment kommt man schon woanders an. Und genau darin liegt das größte Paradox und die größte Schwierigkeit.

Das Kommen, das Bleiben und das Gehen – jedes für sich und im Spiegel der Anderen – ist eine Kunst, die gelernt werden will. Und zugleich ist es etwas, dem wir uns nicht entziehen können. Denn eigentlich ist unser ganzes Leben so. 

Wir kommen hundertmal irgendwo an. Wir versuchen manchmal, irgendwo zu bleiben. Aber dann kommt der Moment, in dem wir gehen müssen. Weitergehen. Wir wissen es. Und wer versucht, sich diesem Wissen zu entziehen, wird heimatlos. Denn wenn wir weder bleiben noch gehen können, hängen wir in dem Bereich dazwischen fest.

Ankommen – Die Magie des Anfangs

Als ich nach sechseinhalb Stunden aus dem Bus stieg, war es ganz still.
Keine mich bedrängenden Taxifahrer. Kein Hupkonzert. Nur die Wellen an der leeren Strandpromenade.

Ich stellte meinen Rucksack auf den Boden und atmete tief ein.
Jedes Mal, wenn ich an einem neuen Ort ankomme, ist es wie ein Déjà-vu. Der Moment, in dem ich meinen Rucksack nehme und aus einem Bus aussteige, fühlt sich immer gleich und immer gleich schön an. 
Ich habe diese Fahrt so sehr genossen, in diesem bis zum Platzen mit Menschen und Sachen vollgestopften Van, der auch in der langsamsten Geschwindigkeit die engen Kurven der Bergstraße immer noch schnitt. Diese schroffen, steilen Berge und dann der lange Weg am Abgrund entlang hinunter zum Meer. Lasten tragende Esel, bemalte Bunker, Leute, die mit ihrem ganzen Gepäck mitten im Nirgendwo aussteigen, bis dann der Bus in Himara gefühlt alle zwei Meter hält und ich schließlich irgendwo auch einfach aufstehe…

Und es ist still und die Luft feucht und frisch. Und da stehe ich mit all meiner Melancholie und Verlorenheit und so voller Ideen und Gedanken, dass es für zwei Leben genug wäre und irgendwo fängt schon eine Nachtigall zu singen an. 

(16.04.21, Himara, Albanien)

In jedem Anfang ist bereits alles enthalten, was mir an diesem Ort geschehen wird. Und sogar all die Dinge, die nicht passieren werden. Dieser Moment ist ein Moment der absoluten Unwissenheit und der absoluten Freiheit.
Ich mag es nicht, mich zu informieren, bevor ich irgendwo hingehe. Sowieso stimmt, was man so liest, meistens eh nicht. (Ganz besonders dann, wenn es sich dabei um Informationen zu Covid-Beschränkungen auf der Seite des Auswärtigen Amtes handelt, aber das sei hier nur am Rande bemerkt). Am liebsten ist es mir, wenn ich im Moment des Ankommens eben noch nicht weiß, wo ich bleiben werde. Wenn ich noch keinen Schlafplatz habe. Auf diese Weise kann ich den Augenblick so rein erhalten wie möglich.

Im Ankommen bin ich ganz kurz vollkommen frei. 

Gleich werde ich auf dem Weg irgendwohin sein. Pläne machen. Einen Eindruck haben. Eine Meinung. Aber in der kurzen Zeitspanne, bevor das passiert, ist noch alles, alles möglich.
Ich komme irgendwo an. Ich halte einen Moment lang inne. Alles, was passieren wird, liegt in der Luft wie ein Duft. Wie ein leiser, kaum hörbarer Ton ist es da: Alles, was passieren wird und alles was passieren könnte.

Ich atme tief ein.

Dann gehe ich los.

Bleiben – Die Kunst des Näherkommens

Vielleicht bin ich auch traurig, weil M. letzte Nacht wieder angefangen hat, über die Zukunft zu sprechen. Er fragte mich, was das alles für mich sei. Ob ich das als eine emotionale Verbindung sehe oder ihn bloß genieße, um ihn dann leichten Herzens hinter mir zurückzulassen. Ich kann deine Suche sehen, sagte er, deine Suche… den Anderen immer schon ein Stück voraus… Und du entscheidest, wann du gehst und wann du kommst und ich kann nichts tun, als die Information entgegenzunehmen. Alle Macht ist bei dir.

Nur im Hier und Jetzt ist alles gut so, wie es ist. Im Hier und Jetzt reicht die Freude als Rechtfertigung. Aber im Spiegel dieser Zukunft wird mein ganzes Handeln sinnlos. Im Spiegel dieser Zukunft ergibt es einfach keinen Sinn, dass ich stundenlang mit dem Bus durch die Gegend fahre, nur um ein bisschen früher bei M. zu sein. Im Spiegel einer Zukunft, in der ich – vielleicht leichten Herzens, vielleicht unter Schmerzen – M. hinter mir zurücklassen werde, ist dieses Verhalten bloß paradox. 

(03.03.21, Skopje, Mazedonien)

Die meisten Menschen, wenn sie irgendwo bleiben, lassen zumindest die Möglichkeit eines „für immer“. Nur bei den Reisenden wird das Bleiben immer schon vom Gehen aus gedacht. Das ist tatsächlich paradox. Und ich glaube nicht, dass ich mich jemals daran gewöhnen werde.
Jedes Mal, wenn ich an einen neuen Ort komme, stelle ich mir vor, wie es wäre, dort zu wohnen. Durch wie viele fremde Städte und Dörfer bin ich schon gegangen voller Sehnsucht danach, dazuzugehören? Ein Zimmer zu haben mit meinen eigenen Möbeln darin? Ein Lieblingscafé zu haben, Freunde, Bekannte und Gewohnheiten?
Gleichzeitig bin ich ja losgegangen, um mich genau dem zu entziehen.
Manche Reisende versuchen, diesem Paradox aus dem Weg zu gehen, indem sie sich nicht einlassen. Sie bleiben in den Hostels oder Wohnungen. Treffen sich nur mit den anderen Fremden. Schauen sich alles an, aber behalten die Hände in den Taschen. Vielleicht ersparen sie sich dadurch Schmerz – aber sie zahlen auch einen hohen Preis. 
Denn alles im Leben ist stereotypisch. Alles, was mir geschieht, haben hundert andere vor mir auch schon so ähnlich erlebt. Alles im Leben ist stereotypisch: Außer wenn wir den Mut haben, näher heranzugehen.

Das Reisen ist mein Alltag. Nicht für immer zu bleiben ist mein Alltag. 

Also strecke ich die Hand aus.

Und versuche, das Leben zu berühren.

Gehen – Die Euphorie der Leere

Gestern, als der Bus in Zürich losfuhr, alle ihre Masken abgesetzt hatten, im Radio osteuropäische Volksmusik lief und der Regen an den Scheiben abperlte, da war ich unglaublich glücklich und gleichzeitig habe ich auf einmal schreckliche Angst bekommen. Ich war so allein, irgendwie exotisch innerhalb der verschworenen Busgemeinschaft, zwischen all den Männern in Turnschuhen und Jogginghose und den verschleierten Frauen. Knapp zehn Leute, alle fahren heim und ich in die Fremde. Wir haben nur scheinbar das gleiche Ziel.
Auf einmal fühlte ich mich sehr einsam.

Jetzt läuft der Regen schon seit Stunden an den Scheiben herunter. Seit es hell geworden ist, das war kurz nach dem Überqueren der Grenze, ist das Land meistens flach und grau, durchzogen von Flüssen, deren Ufer mit Plastikmüll gesäumt sind. 

Und ich, die ich jetzt wirklich weggefahren bin, werde jetzt schon mit der Frage konfrontiert, was ich hier eigentlich will. Was für romantische Vorstellungen ich von Osteuropa habe, die möglicherweise nicht der Wahrheit entsprechen. 
Aber dann denke ich, dass es egal ist, dass ich das Scheitern all dieser Vorstellungen schon in Kauf nehmen könnte, sogar das enge Gefühl in der Brust beim Anblick der zugemüllten Flüsse und der lieblosen Dörfer und Vororte. Weil es schon etwas Grundbefriedigendes hat, Kilometer und Stunden zwischen mich und das, was ich kenne, zu legen. Selbst das Zurücklassen der Geborgenheiten fühlt sich befreiend an.

(11.02.21, irgendwo in Serbien)

Immer wieder entkomme ich dem Sog der Orte. Der Versuchung, zu bleiben und Geborgenheit zu finden. Das ist die größte Herausforderung.
Menschen reisen aus verschiedenen Gründen. Manche laufen eigentlich vor etwas davon. Manche sind auf der Suche nach einem Ort, wo ihnen das Bleiben endlich gelingen wird. Ich, die ich viel geblieben bin, die ich immer geborgen war, versuche mich aus diesem Zusammenhang zu entfernen. 

Das Weggehen öffnet den Blick. In der Leere nach dem Abschied wird sichtbar, was im Bleiben selbstverständlich schien. Umso länger ich aus Deutschland weg bin, umso besser verstehe ich dieses Land, in dem ich geboren worden bin.
Alles, alles im Leben ist Wandel. Und es hilft ja nichts, Angst vor dem Abschied zu haben. Aber ich bin innerhalb eines sicheren und funktionierenden Systems geboren worden, das mir eine Illusion von Beständigkeit vermittelt, wo es in Wahrheit keine gibt. Wer immer innerhalb der Geborgenheit und Sicherheit bleibt, beginnt daran zu glauben, dass er sie braucht.
Zu reisen heißt, den Abschied zu praktizieren anstatt sich vor dem Ende zu fürchten. Zu reisen heißt, immer wieder mutwillig gute und funktionierende Dinge einzutauschen gegen das große Ungewisse.  

Also gehe ich.

Weiter.