Die plötzliche Stille eines Schweizer Dorfes.

Oder: Kann man zuhause einen Kulturschock bekommen?

Als ich nach einer über dreißig Stunden dauernden Busreise endlich im Zug von Zürich Richtung Bellinzona saß, brach ich in Tränen aus. 

Es war August und ich war dieselbe Strecke zurückgefahren, mit der im Februar die letzte Reiseperiode begonnen hatte: von Skopje nach Zürich. Nur dass jetzt Sommer war und sich an jedem Grenzübergang die Fahrzeuge stauten. Kurz nach der Schweizer Grenze wurde der Bus vom Zoll herausgewinkt und eine Busladung von übermüdeten, durch sehr viele gemeinsame Zigarettenpausen miteinander verschworenen Albanern und Mazedoniern mit den Koffern voller Tabak, Wurst und Gewürze fand sich plötzlich in einem klinisch sauberen, gut ausgeleuchteten Warteraum wieder. Auf den metallenen Sitzbänken war jeder zweite Platz mit rot-weißem Absperrband abgeklebt und ein Beamter verteilte die Passagiere unter Einhaltung des Mindestabstands im Raum. Nachdem wir mehr als einen ganzen Tag in dem vollen Bus auf engstem Raum und natürlich ohne Maske zusammengesessen hatten, begannen einige der Menschen, zu lachen und sich darüber lustig zu machen. Der Zollbeamte lächelte ein wenig und sagte in seinem freundlichen Schweizerdeutsch einen Satz, den ich schon seit Monaten nicht mehr gehört hatte: 

„Entschuldigung, ich muss das so machen – das ist die Regel.“

Kann man der eigenen Kultur fremd werden, fragte ich mich in diesem Moment. Und als ich dann endlich im Zug war und mich so plötzlich und unversehens in dieser eigentlich so vertrauten Umgebung wiederfand, fühlte ich mich dann unendlich fremd und restlos überfordert. Am liebsten wäre ich sofort umgekehrt und nach Mazedonien zurückgefahren. Das Gefühl hielt mehrere Tage lang an, bis ich mich schließlich wieder an alles gewöhnt hatte. Gewöhnt, wie man sich an eine fremde Umgebung gewöhnen muss. Ich hatte wohl einen Kulturschock, etwas, was ich noch nie vorher gespürt und sicher nicht ausgerechnet in dieser Situation erwartet hätte.
Aber plötzlich saß ich in einem sauberen Zug, der in wahnsinniger Geschwindigkeit lautlos über die Schienen glitt, während draußen über einer bilderbuchhaft idyllischen Landschaft mit korrekt voneinander abgetrennten Feldern, tiefgrünen Wiesen und hübsch gestrichenen Häusern gerade die Sonne unterging. Überall hingen Uhren und Bildschirme, auf denen in endloser Folge Covid-Nachrichten und Prominenten-News abliefen. Die wenigen Menschen in der Bahn waren unauffällig und korrekt in grau und schwarz gekleidet, kein Fussel am Pullover, keine Knitterfalte, kein Haar am falschen Fleck, die untere Hälfte ihrer Gesichter korrekt verborgen. Sie saßen fast bewegungslos und schauten auf die Bildschirme ihrer Handys und als ich zu weinen anfing, hätten sie höflich den Blick abgewandt, wenn sie mich vorher überhaupt angeschaut hätten. 

Die Sehnsucht nach dem ungeordneten Leben

Auf einmal fühlte ich eine schreckliche Sehnsucht: Sehnsucht nach unebenen Straßen mit zu engen Kurven und ruckelnden Minibussen. Sehnsucht nach unverputzten Häusern, nach Türmen aus Autoskeletten und pseudo-antiken, weiß-goldenen Paläste mit aufgemalten Fenstern im Nirgendwo am Rande einer Straße. Sehnsucht nach Leopardenleggins, Plüschpantoffeln, falschen Goldkettchen und neonfarbenen Trainingsjacken. Sehnsucht nach Menschen, die einem auf der Straße hinterherrufen, nach Hilfsbereitschaft, die so vehement ist, dass es keinen Sinn hat, sich zu wehren, nach neugierigen Fragen in fremden Sprachen, die man mit Händen und Füssen zu beantworten versucht. Sehnsucht nach Staub, nach Lärm, Hupkonzerten, dem Geruch von Kaffee, feuchter Erde, Moder, Ziegen, Tabak, Rosenöl, geschmolzenem Plastik. Es war, als wäre ich von einer echten, chaotischen und lebendigen Welt ganz plötzlich in einen gläsernen Kasten gesetzt worden, der geruchs- und geräuscharm war und in dem alles meiner Berührung entzogen blieb.
Beim Umsteigen in Arth-Goldau, es war mittlerweile dunkel, orientierte ich mich zum ersten Mal seit Monaten wieder an Anzeigen. Im Balkan bin ich unvorbereitet an Busbahnhöfen aufgetaucht, an denen Fahrpläne oft nur mündlich weitergegeben werden, um den Namen des Ortes zu rufen, zu dem ich wollte und dann von jemandem zum richtigen Bus geführt zu werden, der vielleicht jetzt, vielleicht auch in einer halben Stunde abfährt, sobald der Busfahrer seine Kaffeepause beendet hat. Busfahren im Balkan ist chaotisch und kommunikativ und zugleich getragen von dem Vertrauen, dass man irgendwie schon ankommen wird. Wenn der Bus schon weg ist, wird sich eben jemand finden, der einen im Auto mitnimmt.
Jetzt lief ich wie automatisch zu dem Gleis, das mir auf dem Handy angezeigt wurde und kontrollierte dann noch einmal die Anzeige am Bahnsteig auf Übereinstimmung. Mein Weg war absolut vorhersagbar, bestimmt von einer fremden, unberührbaren Intelligenz, deren Anweisungen ich unhinterfragt Folge leiste. 

Perfekte Organisation - Geringe Möglichkeiten  

Plötzlich beschlich mich der unheimliche Verdacht, dass ich nur glaubte, dass ich selbstbestimmt und frei entschieden hatte, zu dieser Zeit auf diesem Bahnsteig zu stehen. Tatsächlich war ich vielleicht nur ein winziges Partikel in einem größeren System und meine Entscheidung lediglich Ausdruck geringer Möglichkeiten in einer Umwelt, die mich gerade durch ihre perfekte Organisiertheit dazu zwang, mich ihren Bedingungen unterzuordnen. Das Versprechen der Verlässlichkeit, mit der die Bahn zu genau der Minute abfährt, die im Fahrplan steht, zwingt mich zugleich dazu, zu genau diesem Zeitpunkt meine Reise zu beginnen. Die Minimierung der Variablen und die Einfachheit und Planbarkeit dieser Umgebung schränkten zugleich auch meinen Bewegungs- und Möglichkeitsraum ein. Auf einmal war eine Verbindungslosigkeit mit meiner Umgebung wieder möglich, die dafür sorgte, dass die Welt um mich herum von mir abrückte und zur beliebig ausblendbaren Kulisse wurde. 

Kann man der eigenen Kultur fremd werden?

So heftig ich das alles in diesem Moment wahrnahm, neu ist dieses Gefühl nicht. Eigentlich habe ich immer mit diesem Eindruck des Abgetrennt-Seins gelebt: Dem Gefühl, die Welt nicht erreichen und nicht berühren zu können. Aber erst in diesem Augenblick fiel mir auf, dass ich dieses Gefühl seit Februar fast nie mehr gehabt hatte. Ich bin lange davon ausgegangen, es handle sich dabei um eine Art Defekt, eine persönliche Unzulänglichkeit. Erst jetzt ist mir klargeworden, dass es vielleicht doch einfach eine Reaktion auf die Umgebung ist. Dass ich vielleicht einfach nicht gut damit leben kann, mich in einer Umgebung zu befinden, die in ihrer Organisiertheit soziale Interaktion zu etwas Optionalem werden lässt. Einer Welt, in der alles schon angeboten und vorbereitet und Eigeninitiative eine Störung der Ordnung ist. Eine Welt, die mir plötzlich erschien wie ein abstruses Konstrukt aus einem Science-Fiction-Roman.

Kann man also der eigenen Kultur fremd werden? Wird man es vielleicht sogar zwangsläufig beim Reisen? Oder ist es lediglich Ausdruck einer Fremdheit, die schon immer da war, dass ich überhaupt mit dem Reisen begonnen habe?

Und was ist das überhaupt: „Meine“ Kultur? 

Schon mein Artikel zeigt, dass ich diese Kultur nur in Abgrenzung zu anderen Kulturen überhaupt definieren kann. Trotzdem behandle ich sie sprachlich so, als würde sie mir gehören, als wäre sie mein Eigentum. Und das Erlebnis, auf einmal mit dem Blick einer Fremden darauf zu schauen und darüber zu erschrecken, ähnelt den Momenten des Erwachsenwerdens, wenn einem die eigenen Eltern plötzlich fremd vorkommen. 


Zum ersten Mal fühlte ich mich heimatlos und ich weinte eine ganze Weile darüber. Als ich mich endlich einigermaßen beruhigt hatte, musste ich husten. Der Mann in der Sitzreihe vor mir stand wortlos auf und setzte sich weiter nach vorne und ich brach gleich wieder in Tränen aus. Schließlich kam ich in Vitznau an, von wo ich die letzte Bergbahn hoch nach Kaltbad nehmen wollte. Es war halb zehn, kein Mensch auf der Straße und alles ganz still. Nur das Wasser des Vierwaldstättersees plätscherte leise gegen die Schiffsanlegestelle. Ich zog einen Pullover und einen Mantel über meine dünnen Sommerkleider, zündete mir eine Zigarette an und setzte mich auf die Bank, die dort für genau solche Gelegenheiten bereitstand. Es kam mir vor, als sei es seit Monaten nicht mehr so still gewesen: Kein Grillenzirpen, kein aufheulender Motor, kein Hundegebell. Die Luft war klar und frisch und über dem See konnte ich die Sterne sehen. Allmählich beruhigte ich mich. Ich dachte an die Berge in der Schweiz und die Hügel in der Pfalz und an alles, auf das ich mich gefreut hatte. Ich dachte: Vielleicht bin ich gar nicht heimatlos. Vielleicht habe ich nur viele Heimaten.

Aber vielleicht ist beides auch irgendwie dasselbe.