Was sollen eigentlich die Kühe da?

Die Geschichte hinter dem Headerbild.

Warum hat mein Blog Kühe als Titelbild? Natürlich, weil diese Kühe wirklich ziemlich cool aussehen. Ich finde es ganz schön anarchistisch, dass sie die Schattendächer für die Touristen einfach abfressen. Wenn Kühe Urlaub machen würden, sähe es so aus und diese Kühe sind die Digital Nomads unter den Tieren, die ihr ganz normales Business am Strand erledigen. Und außerdem finde ich, dass Touristenorte ohne Touristen immer eine ganz seltsame Schönheit haben. So, als wäre das Ende der Welt da. Als gäbe es keine Menschen mehr. Als würden ganz profane Dinge wie Schattendächer plötzlich zum Denkmal einer untergegangenen Kultur werden.

Aber es gibt auch eine Geschichte zu diesem Bild.

Eine stille Stadt am Meer

An diesem Mittwochnachmittag im April, als ich am Strand von Qeparo in Albanien den Kühen begegnete, war ich gerade aus einem Hostel hinausgeworfen worden. 

Ich war zum ersten Mal in Albanien. Eine knappe Woche zuvor war ich in Himara angekommen. Das ist ein Ort an der südlichen Küste, in dem vor allem Griechen leben, eine kleine Stadt am Meer mit einer langen, hellen Promenade, einem schmalen Strand und bunten Felsen. Die Stadt hat ihren Namen von irgendeiner griechischen Sagengestalt, die in Höhlen lebt. Von der ich eigentlich keine Ahnung habe. Aber die Idee dieser Geschichte verstärkte für mich noch den Zauber der im Frühling so stillen Stadt am Meer.  

Im Internet hatte ich mir einen Platz als Volontärin in einem der Hostels gesucht. Der Besitzer des Hostels hieß bezeichnenderweise Romeo und ich hatte schon in Tirana Gerüchte über ihn gehört. Aber wenn ich auf Warnungen gehört hätte, wäre ich gar nicht erst nach Albanien gegangen. Und so schlug ich auch diesmal alle Bedenken in den Wind. An diesem Nachmittag hingen die Wolken schwer über dem Meer und als ich die Straße entlangging, fielen ein paar träge Regentropfen. Plötzlich winkte jemand von einer Dachterrasse herunter und schrie: „Hello Marleen!“ Das war Romeo.

Sterne, Seeigel und eine ganz bestimmte Art von Unruhe

Sein Hostel war ein feuchter und chaotischer Ort. Bunt bemalte Wände, eine vollgestellte Küche, eine Dachterrasse, auf der ich zwischen Blumentöpfen, bunten Kissen und ungewaschenen Tellern eine Französin vorfand, die gerade eine noch freie Wand bemalte. Es gab auch noch einen älteren Amerikaner, der sich mit Micro-Trading beschäftigte und endlose Monologe hielt, wenn man den Fehler machte, ihn anzusprechen. Seine liebsten Themen waren die Börse und die Frage, wie es sein konnte, dass seine Ex-Frau ihn für einen Hühnerfarmer verlassen hatte. Einen gottverdammten Hühnerfarmer. Man stelle sich das vor. 

Was Romeo selbst betraf, hatte er eine ganz bestimmte Art von Unruhe in den Augen. Es war eine Art von Unruhe, die normalerweise dazu geführt hätte, dass ich schnell wieder gegangen wäre. Aber es sah so aus, als sei die Französin seine Freundin. Und wie Frauen das so oft tun, nahm ich das als eine Art Gütesiegel: Wenn diese hübsche und freundliche Frau es mit ihm aushielt, dann konnte er so schlimm nicht sein. Also trank ich den Kaffee, den Romeo mir anbot und akzeptierte erst einmal alles, wie es war. Über dem Meer flogen Vögel im Kreis, ganz langsam, fast wie in Zeitlupe. Und ganz langsam kam auch der Abend, während wir am Feuer saßen, Fisch aßen und über Feminismus und Kunst sprachen.

Fast eine Woche war ich dort. Immer, wenn ich etwas arbeiten wollte, sagte Romeo: Relax – wir sind hier im Relax Hostel. Stattdessen tauchten wir im eiskalten Meer nach Seeigeln und Algen, lagen in einer versteckten Bucht auf den Felsen in der Sonne oder sammelten im Wald Holz für das abendliche Feuer. Jeden Morgen bereitete Romeo mir ein fürstliches Frühstück zu und abends sahen die Sterne am Himmel aus, als hätte jemand mit einem silbernen Stift in regelmäßigem Abstand kleine Punkte ins Dunkel gemalt. Ab und zu kam dann ein Fischer vorbei, der mich aus wunderschönen (und ein wenig verrückten) blaugrünen Augen hungrig ansah und mich auf sein Fischerboot einlud. Und in Romeos Augen, der so oft wie möglich neben mir saß und über Liebe sprach, sah ich den gleichen Hunger.

Die Unmöglichkeit, an einem sonnigen Morgen dramatisch zu sein

Nachdem er auch nach einer knappen Woche keinen nennenswerten Erfolg bei mir erzielt hatte, kam die Unruhe eines Morgens zum Ausbruch. Sein Gesicht war rot, ihm quollen die Augen fast aus dem Kopf, er kommandierte mich herum und sagte, ich sei die schlechteste Volontärin, die er je gehabt hätte. Lange ließ ich mir das nicht gefallen und eine halbe Stunde später stand ich mit all meinen Sachen auf der Straße. An so einem Morgen hätte man Nieselregen erwarten können, griesgrämige Gesichter, betrunkene Obdachlose und ein oder zwei Autounfälle. Aber das Einzige, was ein bisschen nach Misere aussah, war der Verrückte mit der Ziege unter der Jacke, der im Zickzack den Strand entlanglief. Also saß ich neben meinem viel zu schweren Rucksack im Sand und… lachte. 

Ein paar Anrufe später existierte bereits eine Art Rettungsnetzwerk aus anderen Leuten, die auch schon mit Romeo aneinandergeraten waren. Ich war an einen Engländer zwei Dörfer weitervermittelt worden, bevor ich überhaupt Zeit gehabt hatte, mir selbst etwas zu überlegen. Die Nacht vorher hatte ich überhaupt nicht geschlafen und mein Rucksack war so schwer, dass mir schon nach ein paar Minuten davon der Rücken wehtat. Aber ich hatte so viel Adrenalin im Körper, dass ich kurzerhand beschloss, die knapp zwanzig Kilometer zu Fuß zu gehen. 

Kühe am Strand und die Freiheit, unvernünftig zu sein

Am Ende war es einer der schönsten Tage, die ich je hatte. Ich würde den ganzen Tag nichts essen außer einem Spiegelei und ein paar Keksen, aber ich spürte weder das noch das Gewicht von meinem Rucksack. 

Es war so schön, diese Straße entlangzugehen, die Hügel hinauf und hinunter, rechts das Meer und links die Berge. Es waren kaum Autos unterwegs und oft hörte ich lange gar nichts außer das Bimmeln der Schafsglocken und das Zwitschern der Vögel. Die Sonne brannte herunter. Ich hatte natürlich keine Sonnencreme dabei und schmierte mir das Gesicht und die Arme stattdessen mit Sojasoße und Olivenöl ein. Einmal fuhr ein cooler blauer Bus vorbei und ich winkte dem Paar darin zu und dachte daran, wie ich selbst einmal in so einem coolen Auto gesessen und die Backpacker um ihre Freiheit beneidet hatte. An diesem Tag war ich unbesiegbar. 

Am Strand von Qeparo, wo niemand zu sehen war außer die besagten Kühe, machte ich eine Pause, um zu schwimmen. Das Wasser war glasklar und schimmerte türkis und die weißen Steine am Strand waren warm von der Sonne. Ich fühlte mich am Ziel meiner Träume. Was ich da gerade tat, war absolut unvernünftig. Und es war absolut schön. 

Vier Kilometer von meinem Ziel entfernt, schlief ich übermüdet am Straßenrand zwischen Kieselsteinen und Disteln für eine halbe Stunde ein. Das letzte Stück Weg war kaum noch zu schaffen. Aber das Abendlicht lag golden auf den knorrigen Stämmen der Olivenbäume und den dicken, alten Eichen, zwischen denen Schwärme von gelben Vögeln herumflogen. Die unasphaltierte Straße vor Borsh war sehr weiß, die Autos wirbelten Staubwolken auf und die Fahrer hupten und winkten mir zu.  Am Strand lag ein einsames, dürres Pferd.