Das Zagoria-Tal

Wandern durch eine verschwindende Welt 

Ich muss zugeben: Ich habe Angst davor, dass das Leben zu einfach wird. Nach beinah fünf Monaten, in denen wir in Albanien unser Hausprojekt aufgebaut haben, ging es in meinem Leben ungewöhnlich geordnet zu. 

Komplizierte Zeiten haben eine gewisse Einfachheit. Ich finde es leichter, auf dem Weg zu einem Ziel große Hindernisse zu überwinden als einfach geduldig auf etwas hinzuarbeiten. Im Alltag habe ich die Tendenz, mich in Kleinigkeiten zu verlieren. Zu vergessen, warum ich eigentlich tue, was ich tue. Das Leben ist sowieso immer etwas unangenehm, nur fühlen sich die kleinen Widrigkeiten in einfachen Zeiten für mich oft nicht viel weniger ernst an als die großen Herausforderungen. 

Es sind diese Zeiten, in denen ich irgendwann einfach weglaufen will. Also bin ich von Peshtan, einem kleinen Bergdorf im Süden von Albanien, in drei Tagen bis nach Permet gelaufen. Ich bin Schildkröten begegnet, blauen Eidechsen mit roten Köpfen und wilden Hunden. Ich bin über Bergwiesen gelaufen, an Schluchten entlang, habe im eiskalten Fluss gebadet und unter uralten Eichen Rast gemacht. Ich bin in den Dörfern und den Menschen dort einer Welt wie aus einer anderen Zeit begegnet, die auch hier in Albanien wohl nicht mehr lange existieren wird. Und ich habe festgestellt, dass die Trennlinie zwischen Heldinnen und Idiotinnen oft gar nicht so leicht zu ziehen ist. 

Honig aus dem Garten, Tabak aus dem Garten – Kaffee aus Brasilien 

Ich breche noch früh am Morgen von Peshtan auf. Mira, die Besitzerin des dortigen Gästehauses, hat mir einen Wanderstock mitgegeben – gegen die Hunde, sagt sie, und ich möchte lieber nicht zählen, wie oft ich auf dem Weg ein Stück zurücklaufen muss, weil ich diesen Stock irgendwo vergesse. 

Es wird schnell warm, das Sonnenlicht flimmert auf dem Waldboden. Links und rechts rasen Eidechsen in allen Formen und Farben ins Gebüsch, um sich vor mir zu verstecken, Schildkröten lugen neugierig unter ihren Panzern hervor, große, grüne Geckos stürzen sich kopfüber die Abhänge hinüber. Die Wegmarkierungen sind verblasst, ich benutze das GPS auf meinem Handy. Warte auf das Glücksgefühl, das sich durch das Laufen einstellen sollte, fühle aber erst einmal – gar nichts. Wenn ich ehrlich bin, bin ich schon nach der ersten Stunde genervt von mir. So alleine mit mir ist mir meine eigene Gegenwart vage unangenehm. Am liebsten würde ich ohne mich wandern gehen. 

Dass ich dabei bin, mich einem Dorf zu nähern, zeigt mir ein Kuhschädel, der an einer alten Eiche aufgehängt ist. Ein Stück weiter wachsen die Zweige eines jüngeren Baumes durch das Loch in einem rostigen Soldatenhelm aus dem zweiten Weltkrieg, als hier die Italiener gegen die Griechen gekämpft haben. Und dann erreiche ich ein großes Haus an einem rauschenden Bergbach, umgeben von terrassierten Gärten, und ein Mann ruft vom Garten auf den Weg hinunter und fragt, ob ich einen Kaffee will. Ilir und sein Bruder wohnen hier und Ilir stellt mir einen Kaffee und ein Schälchen Honig hin und schiebt mir eine Plastiktüte mit Tabak hinüber. „Der Honig ist aus meinem Garten“, sagt er, „der Tabak ist aus meinem Garten, der Kaffee – ist aus Brasilien.“ Besonders stolz ist er auf sein selbstgebautes Wasserkraftwerk, das ihm seinen Strom liefert. 

Als ich kurze Zeit später die schon lange angekündigte osmanische Steinbrücke erreiche, ist es Mittag und die Sonne brennt heiß vom Himmel herunter. In einem unwahrscheinlich steilen Bogen spannt sich die Brücke über den türkisblauen Fluss, oben weht ein starker, warmer Wind. Ich lege mich in das eiskalte Wasser, schließe die Augen, zähle bis zwanzig. Schlafe auf einem warmen, weißen Felsen am Ufer ein und wache eine unbestimmte Zeit später dehydriert und immer noch erschöpft wieder auf. In meinem Rucksack ist eine Avocado zerplatzt, ich habe weder Sonnencreme dabei noch genügend warme Sachen für die Nacht und komme mir jetzt schon ziemlich idiotisch vor. Ich bin froh, dass außer mir niemand da ist, um von mir genervt zu sein. Und auf eine Weise genieße ich diesen Zustand sogar. 

Der Weg führt jetzt steil einen kargen, steinigen Hang hinauf nach Limar. Kleine Häuser mit Natursteinmauern liegen über die Bergkuppe verteilt, die üppig grünen Gärten inmitten der leeren Landschaft wirken fast trotzig. Vor einigen Türen sind hölzerne Maultiersättel aufgehängt. Und ich, ich habe keine Lust auf Menschen und auf das Gästehaus und laufe einfach weiter, bis es allmählich dunkel wird. 

Als ich gerade dabei bin, mir zwischen ein paar krummen Olivenbäumchen neben einer verfallenden Moschee einen Platz für meine Hängematte zu suchen, bemerke ich einen alten Mann, der langsam die Schotterpiste hinuntergelaufen kommt. Als ich ihn frage, ob es in Ordnung ist, hier zu schlafen, fängt er an zu lachen und lädt mich in sein Haus ein. Im schwindenden Licht, auf einer Terrasse unter einem großen Walnussbaum, trinke ich Kaffee und Rosensirup, den mir seine Frau Lindita serviert. Und vergesse, dass ich alleine bleiben wollte. Lindita macht mir das Bett, in dem sonst ihre Enkel schlafen. Als ich mich schon hingelegt habe, öffnet sich noch einmal leise die Tür. „Brauchst du ein Nachtlicht?“, fragt sie mich. 

Ein Mädchen allein in den Bergen 

Der Tag beginnt mit frittiertem Gebäck und frischer Ziegenmilch und ich fühle mich auf eine Weise geborgen wie als Kind bei meinen eigenen Großeltern. Da, in diesem Dorf, das mal aus sechs Familien bestand und in dem jetzt nur noch diese beiden Leute wohnen, abseits der Welt, die ich kenne, ohne Auto oder Internet. Diese beiden Leute, die mir mit einer Freundlichkeit begegnen, die eigentlich ganz grundlos, fast unpersönlich ist. 

Schon im nächsten Dorf begegne ich einer Kuhhirtin, die freundlich über mich lacht. „Ein Mädchen allein in den Bergen“, sagt sie, „hast du denn keine Angst?“ Ihr Haus ist umgeben von Rosenduft und ihre alten Eltern unterbrechen ihre Arbeit und setzen sich zu uns auf die Terrasse. „Das geht doch nicht“, sagt der alte Mann immer wieder, „ein Mädchen allein in den Bergen. Wie kann ihr Mann das zulassen?“ Und seine Frau lacht mit funkelnden Augen: „Ach was, das kann sie. Sie ist stark, siehst du das nicht?“ Sie kommt aus der Stadt, ist ihrem Mann damals in die Berge gefolgt, „aus Liebe“, sagt er, und sie lächeln erst mich und dann sich gegenseitig an. 

Ein Dorf weiter, ein Besuch an einem Wasserfall, ein weiteres Bad im Fluss – und wieder werde ich zu Kaffee und Rosensirup eingeladen. Ich sitze auf einer Terrasse, zusammen mit einem pensionierten Marinesoldaten und seiner Freundin. „Hast du keine Angst?“, fragt er, „alleine?“ Wie immer behaupte ich: „Ach – für mich ist das normal.“ Und während ich mir gestern noch sehr idiotisch vorkam, fühle ich mich heute wie eine Heldin. Erst recht, als er mir anerkennend zunickt und sagt, ti je kapitano – Du bist Kapitän. 

Heute führt der Weg über mit Blumen bedeckte Bergwiesen, Blumen, von denen ich die meisten noch nie gesehen habe. Ich halte Mittagsrast neben einer Kapelle unter riesigen Eichen und lasse dann das nächste Gästehaus links liegen. Über die Tagesetappen der anderen Touristen bin ich so etwas von erhaben. Es ist kühler heute, die Luft riecht nach Regen, aber als schließlich die Dämmerung anbricht, ist der Himmel wieder wolkenlos. Ich spanne meine Hängematte zwischen zwei Bäumen auf und schaue der Sonne beim Untergehen zu. Mein Kopf ist ganz leer. In einem nahen Dorf heulen die Hunde und als es Nacht wird, höre ich sie nicht weit von mir entfernt bellen und durch die Büsche streifen. 

Aber dann wird es still. Weit entfernt sehe ich die Lichter des Dorfes, wo ich Mittagsschlaf gemacht habe. Ich friere zu sehr, um wirklich einzuschlafen in dieser Nacht. Ich döse vor mich hin und wache immer wieder auf. Es ist fast Neumond, aber die Sterne strahlen so hell, dass ich die Umrisse der mich umgebenden Berge klar erkennen kann. 

Alles für immer und bald schon vorbei 

Beim ersten Morgengrauen bin ich hellwach. Die Sonne braucht eine Ewigkeit, bis sie über die Berggipfel geklettert ist. Als die kahlen Felskämme endlich rot aufstrahlen, packe ich meine Sachen zusammen. Noch schlaftrunken begegne ich einem Hirten, der gerade seine Kühe auf die Weide treibt. Er bedeutet mir, in einigem Abstand an den Tieren vorbeizugehen. Aber plötzlich stürzen vier große Hunde bellend und zähnefletschend auf mich los. Und ehe ich noch reagieren kann, springt der Hirte wie ein Derwisch um mich herum und schlägt mit seinem Stock auf die Tiere ein, bis sie die Verfolgung aufgeben. 

Ich beeile mich, weiterzukommen. Noch hat die Sonne meine Talseite nicht erreicht. In Nivan erzählt eine große Wiese inmitten des Dorfes von einer anderen, lebhafteren Vergangenheit. Eine mit einem roten Stern verzierte Büste schaut stumm auf die Ruinen eines Clubs, eines Krankenhauses und einer Schule. Weiter oben am Abhang rußschwarze Lagerhallen, neben denen ein Maultier grast. Ein paar Minuten später setze ich mich zwischen die Wurzeln einer riesigen Platane, um zu frühstücken. Ein Specht hüpft über meinem Kopf herum, vor meinen Füssen krabbelt ein großer Hirschkäfer vorbei. 

Plötzlich höre ich hinter mir ein lautes Lachen, das mich zusammenzucken lässt. Eine alte Frau kommt hinter dem Baum hervor, sie zieht einen Sack voll Holunderblüten hinter sich her. „Wie alt ist dieser Baum?“, frage ich sie auf albanisch. Sie lacht wieder, zwinkert mit den Augen und wirft die Hände dreimal rücklings über die Schultern, als wolle sie sagen, alt, sehr, sehr alt, niemand weiß es mehr. Wie durch Magie taucht plötzlich noch eine zweite und dann eine dritte alte Frau auf. Sie beginnen eine hitzige Diskussion, über das Alter des Baumes und über das verrückte Mädchen, das alleine wandern geht und was wohl mit mir anzufangen sei und scheinen meine Anwesenheit dabei ganz zu vergessen. Vielleicht erscheint es ihnen auch zu unwahrscheinlich, dass ich, eine Fremde, ihre Sprache verstehe, um es zu begreifen. Schließlich taucht der Ehemann einer der Frauen auf, stellt sich in flüssigem Englisch als Kujtim vor und – lädt mich zum Kaffee ein. 

Ein Haus, ein Tee am Kamin und ein Bett für die Nacht 

Nach einem zweiten Frühstück bestehend aus einem Stück Brot, Käse und einem gekochten Ei besteht Kujtim darauf, mir den Weg zu zeigen. Wie den meisten Menschen, denen ich in den Bergen begegne, scheint ihm das Konzept einer Wanderung ganz unbekannt zu sein. Er versteht einfach nicht, warum ich die kleinen Pfade nehmen will, wenn ich auf der Staubpiste doch so viel schneller und bequemer laufen kann. Schließlich gebe ich nach, lasse mich von ihm aus dem Dorf herausbegleiten und klettere querfeldein auf den Wanderweg zurück, als er verschwunden ist. Zwischen mir und der Stadt Permet liegt jetzt nur noch ein Berg. Es soll regnen. Das Gerücht habe ich jetzt schon ein paarmal gehört. Aber als ich den Anstieg beginne, brennt die Sonne noch heiß vom Himmel. Der Weg führt steil am Rande einer Schlucht den Hang hinauf, zwischen den Felsen blühen Mohnblumen und purpurfarbene Disteln. 

Als ich etwa zwei Drittel des Aufstieges geschafft habe, drehe ich mich um und schaue in das Tal hinunter. Und da sehe ich, dass sich über den Bergen auf der anderen Seite eine dicke, schwarze Gewitterfront zusammengebraut hat. Zum Umkehren ist es zu spät, einen Unterstand gibt es nicht und in der aberwitzigen Hoffnung, dem Wetter noch entkommen zu können, gehe ich einfach schneller. Es erreicht mich in der Mitte einer Hochebene. Ohrenbetäubend laut schlagen die Blitze in die umliegenden Berge ein, während ich mich im eisigen Regen auf dem Boden zusammenkauere und mir mal wieder komplett bescheuert vorkomme. 

Als der Donner schließlich leiser wird, gehe ich weiter. Vögel singen, die Luft ist erfüllt von dem Duft nach würzigem Gras und ich bin komplett durchnässt. Es regnet und regnet. Der Abstieg über glitschiges Geröll dauert endlos lange und das Tal will einfach nicht näherkommen. Irgendwann verliere ich jedes Zeitgefühl. Ich arbeite mich langsam auf dem schmalen, steilen Pfad nach unten… nach unten… 

Irgendwo da unten wird es ein Dorf geben, irgendwo wird es ein Haus geben, einen Tee am Kamin und ein Bett für die Nacht. Irgendwo da unten gibt es eine Tür, an die ich nur klopfen muss, damit sie mir geöffnet wird. 

Als ich schließlich in dem Dorf Leus ankomme, hört der Regen auf. Kein Mensch ist zu sehen. Aber dann höre ich Musik und entdecke einen alten Mann, der im Hof seines Hauses mit sich selber tanzt. Ich bin so erschöpft, dass mein sowieso holpriges Albanisch mich im Stich lässt. Ich kann nur noch sagen: „Mir ist kalt…“ Er schaut mich verwundert an. Dann sagt er: „Aber ich kann dir nicht helfen. Du brauchst eine Frau.“ Und er führt mich zu einem Gästehaus. In einen großen Raum mit einem Kamin, einem weichen Teppich und Bücherregalen an den Wänden. Ich werde in ein sauberes, weißes Badezimmer geführt und ein vielleicht vierzehnjähriges Mädchen bringt mir einige ihrer Kleider zum Wechseln. Es kommt mir vor wie in einem Märchen. 

Beim Abendessen komme ich mit einer englischen Familie ins Gespräch. Gil, der Besitzer des Hauses, kommt an den Tisch, lacht über mich und sagt: „Das ist ein verrücktes Mädchen – aber ein mutiges Mädchen.“ Und in diesem Moment ist alles wieder ganz einfach. In diesem Moment ist das einfach alles, was ich sein will.