Wie wir spontan ein vierstöckiges Haus in Marokko mieteten. Und was danach geschah.

Am 15. Oktober 2022 landeten Tobi und ich an einem milden Abend in Marrakesch. Drei Wochen später hatten wir im Norden von Marokko ein vierstöckiges Haus angemietet. Und wiederum zwei Monate danach stiegen wir in Ceuta auf die Fähre und ließen alles hinter uns zurück.

Als ich meiner Mutter erzählt habe, dass wir kurz davorstehen, einen auf fünf Jahre festgelegten Mietvertrag zu unterzeichnen, schickte sie mir tagelang besorgte Nachrichten. Ich antwortete geduldig auf ihre Bedenken, aber den Vertrag unterschrieben wir weniger als zwei Tage, nachdem Tobi das Haus zum ersten Mal besichtigt hatte. So wurden wir Mieter, Vermieter und Hausverwalter in einem Land, über das wir eigentlich nichts wussten und dessen Sprache wir nicht sprachen. Und das nicht nur in linguistischer Hinsicht. In mein Tagebuch schrieb ich an diesem Tag: „Wir haben etwas getan, von dem ich noch nicht weiß, ob es sehr dumm oder genial ist.“

Als wir das Haus zwei Monate später wieder aufgaben, schrieb ich: „Ich weiß es immer noch nicht.“

Ein Ort, der beinah erfunden klingt

Das Haus liegt am Rand von Chefchaouen, einer kleinen Stadt im Norden, nicht weit von Tangier. In der alten Medina schimmert alles in verschiedenen Schattierungen von Blau, sogar der Boden. Außenherum, in den schroffen Bergen, verstecken sich unzählige Cannabisplantagen. Es ist ein Ort, der beinah erfunden klingt. Und wie alles in Marokko ist er sehr lebendig: Voll von Malern, Händlern, Instagrammern, Hippies, Junkies, Bettlern, Handwerkern, falschen und echten Touristenführern, Züchtern von psychedelischen Kakteen und verrückten, europäischen Universitätsprofessoren mit Weltretterkomplex. Über die Straßen rasen Taxis (die natürlich ebenfalls blau sind). Alte Frauen hocken auf dem Gehsteig und verkaufen für ein paar Cents frische Minze und Koriander. Eine kanadische Touristengruppe sinniert lautstark über die Armut der Marokkaner. Und mittendrin waren jetzt: Tobi und ich.

Schon wenige Tage nach der Schlüsselübergabe verwandelte sich unser noch kaum eingerichtetes Haus in ein Sammelbecken der unterschiedlichsten Menschen. Sie waren dermaßen unterschiedlich und so eigen in ihren Verhaltensweisen, dass ich mir manchmal vorkam wie in einer dieser Multikulti-Komödien. Am ersten Tag rekrutierte Tobi zwei der Restaurantausrufer von der Outa Hamman, dem großen Platz im Zentrum der Stadt. Sie sollten uns helfen, das Haus zu säubern und einzurichten. Einer davon war ein Student, der so schüchtern war, dass er manchmal abends ging, ohne nach seinem Geld zu fragen. Wenn er zu viel rauchte, erzählte er Geschichten über einen Sohn und einen Gefängnisaufenthalt in Kanada. Der andere hatte zwar eine marokkanische Mutter, war aber in Chicago aufgewachsen. Er sprach einen richtigen Straßen-Slang, kochte Essen, das ausschließlich aus Fleisch und Käse bestand und liebte Musik von Adele.

Zu diesen beiden gesellte sich weniger als einen Tag danach ein älterer Japaner. Ich traf ihn in der alten Medina auf einer meiner Einkaufstouren. Ich saß neben einem kleinen Brunnen und aß zu Mittag, als er plötzlich vor mir stehenblieb und mit einer ausholenden Geste sagte:

„This blue is colouring my soul“

An diesem Tag wich er mir nicht mehr von der Seite. Er schlenderte mit mir über den Markt, schleppte meine immer zahlreicher werdenden Einkaufstaschen voller Geschirr, Töpfe und Kochlöffel und äußerte lautstark seine Anerkennung über meine kleinen Handelserfolge.

Am nächsten Tag mietete er sich für einen ganzen Monat bei uns ein. Und das zu einem Zeitpunkt, als wir weder Internet noch warmes Wasser hatten. Er saß still in einer Ecke, rauchte und meditierte und sagte: „Kalt duschen ist sowieso gesünder.“ Und dann verbeugte er sich und sagte: „Arigato“ – Danke. Und dieses Wort, arigato, das sagte er so oft, dass manche unserer Gäste es für seinen Namen hielten. Tagsüber ging er auf die Outa Hamman und arbeitete in einem der Restaurants, für nicht mehr als ein Essen am Tag. So lange er bei uns war, schien auf geheimnisvolle Weise alles zu gelingen und sein „arigato“ ließ jeden Stress in mir zusammenschmelzen wie einen Eiswürfel in der Sonne.

Und dann kam der Regen

Dann zog er weiter. Und mit seinem Weggang kam der Winterregen. Und mit dem Winterregen ergrünten nicht nur die terrassierten Felder rund um die Stadt. Das Wasser kam auch durch vorher unsichtbare Risse in der Wand, überschwemmte die Airbnb-Wohnung im Obergeschoss und ließ auf der Wand den Schwarzschimmel unter der Wandfarbe hervorwachsen. Der schöne neue Anstrich an den Wänden überall in unserem neuen Haus hatte einen Grund, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Mit den ausbleibenden Einnahmen schmolzen unsere finanziellen Ressourcen dahin. Und die Vermieter, die uns vorher beteuert hatten, wir seien Teil ihrer Familie, verlangten weiterhin die volle Miete von uns und machten keine Anstalten, den Schaden zu beheben.

Anstatt aufzugeben, adoptierten wir junge Katzen. Mittlerweile lebten bei uns auch noch eine kanadische Astrologin, eine feenhafte Australierin und der beste Friseur, den ich jemals getroffen habe. Während auf dem Dach die Katzen schrien, der Schimmel durch die Wände im Obergeschoss wuchs und die Küche schon wieder aussah wie nichts Gutes, organisierten wir einen nächtlichen Friseursalon im Badezimmer. Eine Sauna im Heizungsraum. Eine Kunstgalerie im Treppenhaus. Unter den Pfiffen der Männer am Straßenrand transportierte ich wunderschöne Aktgemälde durch die alte Medina, Bilder, für die es im muslimischen Marokko einfach keine Ausstellungsräume gibt. Natürlich unverpackt, wie hätten wir sonst Werbung machen können.

Und nach zwei Monaten waren wir beide mit den Nerven völlig am Ende. Ich war tagelang durch die Stadt gelaufen, immer das Handy auf laut, immer einen Anruf erwartend. Ich schrieb nicht mehr. Wünschte mir heimlich, eine Woche im Bett zu bleiben und zu sagen: Ist mir egal – ist mir alles egal. Und am Neujahrsmorgen weckte Tobias mich in aller Frühe auf und sagte: „Wer werden wir, wenn wir jetzt weitermachen?“

Gescheitert, so grandios gescheitert

Wir hatten gelernt, dass es in Marokko keine moralische Voraussetzung ist, ehrlich zu sein. Wer hier handelt, der betrügt auch – und wer sich betrügen lässt, ist selber dumm gewesen. Unsere Wut über unsere Vermieter löste bei unseren marokkanischen Freunden nur ein Achselzucken aus. Wir hatten einigermaßen gelernt, den Betrug nicht persönlich zu nehmen und wir wurden immer besser darin, ebenfalls zu schummeln. Vor allem deshalb, weil die Marokkaner mit einem solchen Verhalten bei uns Europäern nicht rechneten. Aber an diesem ersten Morgen des Jahres fragten wir uns zum ersten Mal, ob wir so überhaupt sein wollten. Es dämmerte gerade erst, als wir in die Stadt liefen. Und im ersten geöffneten Café, als sich am regenverschleierten Himmel über den blauen Häusern ein zaghafter, rosa Streifen zeigte, beschlossen wir: Wir gehen.

Ich werde nie verstehen, wie wir das geschafft haben. Aber: Innerhalb von drei Tagen hatten unsere Mieter und unsere Katzen ein neues Zuhause. Hatten wir alle unsere Möbel wieder verkauft oder verschenkt und die Bilder zurückgegeben. Hatten wir das Geld für die harten Styropormatratzen zurück und die Vermieter, die uns nur die Hälfte der Kaution wiedergegeben hatten, dafür um die Stromrechnung geprellt. Innerhalb von wenigen Tagen war das Projekt, das uns zwei Monate rund um die Uhr beschäftigt hatte, spurlos verschwunden.

Ich erinnere mich an die Leichtigkeit, die ich fühlte, als wir am Abend darauf in einem Café am Hafen von Algeciras saßen. Es war fast Mitternacht und die Luft war warm und schwer. Niemand von den Menschen an den anderen Tischen konnte auch nur ahnen, was wir hinter uns hatten. Wie grandios wir gescheitert waren. Und wie sehr uns deswegen gerade in diesem Moment zum Lachen zumute war.

cause it takes getting everything and then loosing it

Jetzt ist Juni. Jetzt kommt mir das alles lange her vor. Ich bin in Deutschland, so weit weg von Marokko, wie ich nur sein könnte. Tobias ist nicht mehr bei mir. Ich lese meine alten Tagebücher und stolpere über ein Zitat aus einem Songtext von Lana del Rey, was mich vor zwei Jahren mal sehr berührt hat: „cause it takes getting everything you ever wanted and then loosing it to know what true freedom is“.

Tief in mir habe ich mir lange gewünscht, keine Angst mehr vor dem Scheitern zu haben. Ich hatte nur noch nicht gewusst, was der einzige Weg dahin ist: Zu scheitern. Nur wer mal auf die Nase geflogen ist, kann sicher wissen, dass aufstehen möglich ist. Mein Leben mit einem Menschen zu teilen, der so bedingungslos mutig ist in seiner Begeisterung, hat in mir selbst einen Mut geweckt, von dem ich vorher nur ahnen konnte, dass ich ihn habe.

Meine Mutter hatte Recht. In einem fremden Land einen Mietvertrag zu unterschreiben, den ich nicht mal selber lesen kann, war eine dumme Idee. Aber sie lag auch falsch. Denn es war genial. Verloren haben wir nichts, nicht einmal sehr viel Geld. Aber gelernt habe ich in diesen zwei Monaten mehr als manchmal in einem ganzen Jahr. Es war ein schreckliches, wunderschönes Abenteuer.

Und vielleicht, irgendwann, werde ich von neuem beginnen. Irgendwo ein anderes Haus mieten, eine neue Künstlerresidenz errichten. Mit all dem Wissen, was ich jetzt habe, mit mehr Geduld, weniger Idealismus und einem richtigen Plan.

Und ganz ohne Angst vor dem, was Leute scheitern nennen.

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