Arizona: Fragen an den Imperialismus

Über Warnschilder, Simulationen und singende Felsen.

Als ich am ersten Morgen in Phoenix, Arizona, das Haus verlasse, kann ich das Gefühl nicht abschütteln, mich in einem Film zu befinden.

Das Viertel, in dem ich gelandet bin, besteht aus hellen, einstöckigen Häusern mit perfekt gestalteten Gärten davor. Überall blühen Rhododendronbüsche und orangefarbene Orchideen. In den Ästen der Bäume hüpfen bunte Vögel mit winzigen Köpfen herum. Menschen gehen mit ihren Hunden spazieren oder wässern winzige, sorgsam gestutzte Rasenflächen. Von etwas weiter weg das Rauschen einer großen Straße, die ich überquere, um mir an einer Tankstelle ein Frühstück zu kaufen. Ich esse ein Sandwich, was weniger nach Essen schmeckt als alles, was ich in meinem Leben je zu mir genommen habe. Genaugenommen ist es die Simulation eines Sandwiches: Bestehend aus Farbstoffen und Geschmacksstoffen, die von Klebstoffen zusammengehalten werden. Ich kippe mir Sahne mit Haselnussgeschmack in meinen Kaffee und der Kassierer gratuliert mir: “Excellent choice!” 

Und warum kommt mir das alles so bekannt vor, dass es fast unwirklich ist?

Die Fetischisierung einer Kultur

Seit ich denken kann, habe ich es vermieden, anderen Reisenden zuzuhören, wenn sie von Ländern erzählen, in denen ich noch nicht gewesen bin. Die meisten Menschen haben eine dermaßen ungeschulte Wahrnehmung, dass sie nur die Klischees der Orte wiedergeben, die sie angeblich besucht haben. Und vor diesen Klischees fürchte ich mich. Aber hier? Hier ist es mir offenbar nicht gelungen, mich dem zu entziehen. Und das lag nicht an Urlaubserzählungen. 

Ich bin zum ersten Mal in den USA und ich habe niemandem zugehört. Aber ich bin aufgewachsen mit einer omnipräsenten Fetischisierung dieser Kultur. Ich erinnere mich noch gut, wie ich einmal mit meinem jüngeren Bruder Klamotten kaufen gegangen bin. Er muss etwa 12 gewesen sein und wir waren vielleicht bei H&M oder C&A – und fast alle Kleider seiner Größe waren mit amerikanischen Flaggen und Städtenamen bedruckt. Er kam zurück mit einer San-Francisco-Kappe und einem Chicago-Pullover. Als Kind habe ich mich vor den amerikanischen Düsenjets versteckt, die über unser Haus donnerten, überzeugt, sie könnten auf mich schießen. Und als ich mir als Teenager wegen der gemeinen Kommentare der anderen Mädchen in der Umkleidekabine die Beine rasieren wollte, sagte meine Mutter, das sei bloß ein unsinniger Trend aus Amerika, der dazu diene, Frauen wie Kinder aussehen zu lassen. 

Jetzt, wo ich mich durch diese amerikanische Vorstadt bewege, werde ich den Verdacht einfach nicht los, mich in einer Filmkulisse zu befinden. Die Realität der Menschen hier ist so voll von Symbolen, die ich unbewusst wieder und wieder gesehen habe, dass sie mir vorkommt wie eine Simulation.

Dazu kommt die faszinierende Glätte der Menschen. Die Leute sind auf eine Weise freundlich, als wollten sie einen Wettbewerb in Freundlichkeit gewinnen und irgendwie macht mir diese Art des Smalltalks Spaß. Aber es kommt mir eben auch manchmal vor, als würde ich mich mit KIs unterhalten.

Wenn jemand uns heimlich nach und nach jedes Element unserer Realität entziehen und es durch eine Imitation ersetzen würde, würden wir es merken?

Am Grand Canyon über Mauern klettern

Meine Freundin Olivia und ich sind auf dem Weg zu einem großen Gathering in der Wüste. Aber bis dahin haben wir noch eine ganze Woche Zeit. Also mieten wir uns ein dickes, schwarzes Auto und fahren zum Grand Canyon, dann hoch nach Page, dann nach Sedona. Wir verlassen die Stadt Phoenix auf einer breiten, geraden Straße, die durch endlose Industriegebiete führt, vorbei an unzähligen Werbeplakaten für Anwälte.

Dann rote Felsen, Kakteen, Luft, die in der Hitze flimmert, nur noch wenige Fahrzeuge. Eine Übernachtung in Flagstaff in einem Motel, das mich auch wieder begeistert: “Wie in einem Film!” Die Nacht danach verbringen wir schon am Grand Canyon. Diese immense Schlucht mit ihren pyramidenartigen Felsstrukturen, roten und blauen Gesteinsschichten, das Licht der Sonne so grell, dass es bläulich wirkt. Von den aufgeregten Menschenmassen am südlichen Rand sind die vorbeigleitenden Adler ebenso unbeeindruckt wie die braunen Eichhörnchen am Wegrand. Das beruht allerdings nicht auf Gegenseitigkeit: Ich beobachte, wie eine Familie panisch kreischend ein neugieriges Eichhörnchen mit Steinen bewirft, offenbar in der Furcht, von ihm gebissen zu werden. Am nächsten Morgen sitze ich noch im Schatten einiger Pinien auf einem Mäuerchen am Rande des Grand Canyon Village und male, während Olivia ein Stück die Klippen herunter geklettert ist, um zu meditieren. Ein etwa zehnjähriger Junge kommt neugierig näher, wirft einen Blick auf mein Bild und entdeckt dann unsere Rucksäcke, die weiter unten auf den Felsen liegen. “Wie seid ihr da hingekommen?”, fragt er.

“Wir sind über die Mauer geklettert”, erwidere ich, “das ist ganz einfach …” Und wundere mich ein wenig über eine Frage, deren Antwort für mich als Kind offensichtlich gewesen wäre. 

“Not for you though, Mister!”, sagt die Mutter lachend. Aber ich sehe das lebhafte Aufleuchten in seinen Augen, die plötzliche Erkenntnis, dass das eine Möglichkeit ist: Den eigenen Körper zu verwenden, den Weg zu verlassen und über eine Mauer zu klettern.

Singende Felsen und gefährliche Treppen

Und das sind die Bilder, die mir in Erinnerung bleiben werden: Der Weg nach Page, auf einer Straße, die durch die Reservate führt. Goldene Steppen, blaue Tafelberge, Pferde im Staub und Kugeln und Türme aus Sandstein, die im Abendlicht den Eindruck machen, man befände sich auf einem anderen Planeten. Alles das hinter Zäunen aus Draht. Wir buchen eine Führung mit einem Navajo-Guide durch die nächste Sehenswürdigkeit: Den Antelope Canyon. Dieser Canyon ist 400 Meter lang, von oben nur zu sehen als ein schmaler Spalt im Wüstenboden. Die am Tor wartenden Touristen werden in Gruppen eingeteilt, dann geht es los. Wir sollten aufpassen, wiederholt die junge Frau namens Alesha, die uns führt, immer wieder, aufpassen, auf den schmalen Metalltreppen nach unten nicht auszurutschen, uns nicht den Kopf anzustoßen, nicht gegeneinander zu laufen, als wären wir allesamt wacklige Pappfiguren, die kaum in der Lage sind, einen Fuß vor den anderen zu setzen. 

Unten angekommen schaut Olivia mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich weiß, dass sie das Gleiche bemerkt hat wie ich: Der Fels scheint zu singen. Der Sandstein ist glatt und geschwungen wie Seide und in der Luft liegt ein Vibrieren, als habe er die Stimme des Wassers bewahrt, die ihn geformt hat, unbeeindruckt von den Menschenmassen, die jeden Tag hier hindurchgeschleust werden.

Es ist unüberhörbar. Und trotzdem scheint es außer uns niemand zu bemerken. Oder zumindest: nicht bewusst zu bemerken. Ich beobachte, wie die Körper der Menschen um uns herum in eine plötzliche, intensive Unruhe verfallen. Sie zücken ihre Handys und Kameras und fangen an, pausenlos zu fotografieren, als wären die Bildschirme Waffen und der kleinste Moment des Nichtstuns tödlich. Auch die Guides werden immer gereizter, umso länger die Tour dauert. Von vorne und hinten höre ich ihre wütenden Stimmen in der Schlucht wiederhallen: Hurry up, hurry up, the next group is already coming.

Als wir schließlich am Ende des Canyons wieder nach oben klettern, frage ich Alesha: “Kommst du manchmal alleine hierher?”

Sie sieht mich an, als hätte ich ihr eine völlig abwegige Frage gestellt.

Wem das Land gehört

Nach diesem Erlebnis sitzen Olivia und ich eine unbestimmt lange Zeit schweigend auf einer Bank im klimatisierten Besucherzentrum. Ich bin betroffen von der Realität, die hinter dieser erst einmal so gut klingenden Information steht: Dieses einmalige Naturdenkmal, dieser heilige Ort, gehört den Navajo, den ursprünglichen Bewohnern dieses Landes. Aber was heißt “gehören” wirklich für die Menschen, die hier arbeiten? Alesha gehört dieser Ort genauso wenig wie mir, einer beliebigen Touristin. Das einzige Recht, was sie mir voraus hat: Das Recht, mit seiner Kommerzialisierung ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Wir weißen Menschen sind so daran gewöhnt, von uns als die Sieger zu denken, die Kolonialisierer, die Ausbeuter. Aber was ist dieses “wir”, mit dem wir uns da identifizieren und für das wir uns schuldig fühlen?

An diesem Tag in Page kommt mir ein Gedanke in den Sinn, den ich mal irgendwo gelesen habe: Dass die ersten Menschen, die kolonialisiert wurden, nicht die Indigenen in Amerika waren. Sondern genau die, die nachher das Fußvolk der Kolonialisierung bildeten: Die Europäer. Der Hunger, die Armut und die Hoffnung auf Reichtum, die die Menschen auf den neuen Kontinent trieben, waren auf ihre Weise vielleicht auch schon Folgen eines Kolonialisierungsprojekts. 

Könnte es sein, dass die Identifikation weißer Menschen mit den Tätern und Ausbeutern auch ein willkommenes Mittel ist, um die eigene Unfreiheit nicht zu erkennen?

Dass wir durch die Einteilung in “Täter” und “Opfer” letzten Endes vor allem die beruhigende Erkenntnis erlangen, dass Leid das ist, was die Anderen betrifft? Wie menschenwürdig ist denn das Leben eines durchschnittlichen Amerikaners, der zwei Wochen Ferien im Jahr hat, Nahrung zu sich nimmt, deren Zutatenliste sich liest wie ein chemisches Experiment und dann im Alter Unsummen an Geld ausgibt, um die gesundheitlichen Folgen zu kompensieren?

„Zum Glück sind wir nicht hier geboren.“

Hier kommen wir zu einer scheinbar typischen Reaktion deutscher Touristen in den USA, die auch Olivia und ich erleben. Wir staunen über die imposante Natur, wir wandern mit großen Augen durch die riesigen Supermärkte, wir sind dankbar für die Freundlichkeit und die Hilfsbereitschaft der Leute. Und wir sagen auch ständig: Zum Glück sind wir nicht hier geboren. Zum Glück haben wir Sozialsysteme und Urlaub und faule Nachmittage in Straßencafes, zum Glück fallen wir abends nicht schon um zehn ins Bett, weil wir so müde von der Arbeit sind, zum Glück gibt es bei uns gar nicht so viel zu kaufen, zum Glück haben wir ein Recht auf Unfreundlichkeit.

Aber auch das ist vielleicht eine Verschleierung. Der Wunsch, nicht zu realisieren, dass viele der Dinge, die wir hier sehen, auch ein Blick in unsere eigene Zukunft sein könnten. Als ich nach Amerika komme, ist das eine Wiederentdeckung der Symbole, die mein Bild von der Welt geprägt haben, weil meine eigene Kultur sie imitiert.

Und es ist die Entdeckung anderer Bilder, die Entwicklungen ad absurdum führen, die auch bei uns schon längst im Gange sind.

Die Warnschild-Kultur

Das Land, durch das wir reisen, ist voller Warnschilder. Es gibt Schilder, die in Sedonas Künstlerviertel davor warnen, auf dem leicht unebenen Pflaster zu stolpern. Es gibt Listen von Triggerwarnungen am Eingang von Museen. Es gibt Warnschilder neben hüfthohen Whirlpools in Hotels: No Lifeguard on Duty. Und auch die Menschen, denen wir begegnen, warnen ständig und scheinen vor jeder körperlichen Aktivität umfassende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Ich gewinne das Bild einer Kultur der Verunsicherung, in der der Einzelne jede Resilienz verloren zu haben scheint und der kleinste Schmerz vermieden werden muss.

Später werde ich wieder in Deutschland sein und Artikel über den Genozid in Palästina lesen. Später werde ich an die Warnschilder in Arizona denken, die nur ein weiter fortgeschrittenes Stadium einer Entwicklung sind, die auch hier in Europa stattfindet – und mir eine weitere Frage stellen:

Ist es nicht seltsam, dass ein Land auf der einen Seite eine so massive militärische Industrie hat und überall auf der Welt für Tod und Gewalt mitverantwortlich ist – und auf der anderen Seite über Triggerwarnungen diskutiert?

Hängen diese beiden Dinge vielleicht sogar zusammen? Versuchen wir gerade, uns mit allen Mitteln von jedem Leid abzuschirmen, um nicht in Kontakt zu kommen mit der Tatsache, dass der Staat, den wir finanzieren, woanders Kriege führt? Kann eine Fixierung auf persönliches Trauma und Verletzlichkeit auch eine Ablenkung von einer kollektiven Verantwortung sein oder die individualisierte Verbildlichung einer kollektiven Hilflosigkeit?

“Imperialismus” bleibt ein abstrakter Begriff, solange wir uns nicht fühlend bewusst werden, dass wir ihn permanent, in unseren eigenen Leben und quasi “von innen” erleben. Und nach dieser Reise und dem, was ich in den USA gesehen habe, vermute ich, dass wir in dem Fühlen davon zu folgender Schlussfolgerung kommen könnten: 

Das häufigste Symptom von Imperialismus von außen betrachtet ist Tod, Gewalt und Ausbeutung.

Das häufigste Symptom von Imperialismus von innen betrachtet ist ständige Ablenkung, Anonymität und Berührungslosigkeit. 

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