Über die Kunst, Fragen zu stellen: Reise durch ein verunsichertes Land

Dezember 2023. Ich bin seit ein paar Tagen in Athen und hole mir jeden Morgen im Coffeeshop an der Ecke meinen „cafe greco“, den ich dann in der ersten Morgensonne auf dem Monastiraki-Square trinke. Die paar Worte Griechisch, die ich mir während meines Aufenthalts angeeignet habe, sorgen bei der Frau hinter der Theke jedes Mal für eine große Euphorie. Als ich gerade beginnen will, meinen Kaffee zu trinken, werde ich von einem Kamerateam angesprochen. Ein Mann hält mir ein Mikrofon entgegen und fragt: „Was ist der Sinn des Lebens?“

Ich lache nervös, aber dann fasse ich mich wieder. Zum Glück bin ich ein paar Wochen davor in Neapel einem jungen Mann aus Bangladesh begegnet, der mir genau die gleiche Frage gestellt hat. „Du bist Schriftstellerin! Du musst es wissen – was ist der Sinn des Lebens?“ Und dann sah er mich aus großen, erwartungsvollen Augen an, als habe er gerade eine Audienz bei einer großen Weisen. Dank ihm hatte ich auch an diesem Morgen in Athen eine Antwort parat.

Was ist der Sinn des Lebens?

Ich denke: Nach dem Sinn des Lebens zu fragen ist eine sehr nützliche Frage, um einen langweiligen Smalltalk aus der Bahn zu werfen und die intellektuelle Kreativität eines Gegenübers auszutesten. Sie ist aber die falsche Frage, wenn ich die Antwort finden möchte. Ich bin ja nicht nach Neapel gegangen und habe gefragt: Was ist Neapel? Ich habe gefragt: Welche Geräusche gibt es in Neapel? Wie riecht es? Was beschäftigt die Menschen? Und warum vergeht die Zeit hier so seltsam?

Ich fange mit kleinen, immer spezifischer werdenden Fragen an und irgendwann, wenn ich sehr viele dieser kleinen Fragen gestellt habe, werde ich vielleicht in der Lage sein, die große Frage mit einem einzigen Satz zu beantworten. Aber dieser eine Satz, mit dem ich dann antworte, wird für die, die die kleinen Fragen dahinter nicht kennen, ziemlich sicher völlig nichtssagend sein.

Ich glaube, mit dem Sinn des Lebens ist es ähnlich: Es gibt keine Abkürzung. Es führt kein Weg vorbei an den kleinen Fragen. Und damit habe ich vielleicht zugleich meine grundsätzliche Haltung dem Leben gegenüber beschrieben und auch die Motivation für diesen Blog. Leben und Entwicklung ist vielleicht wirklich einfach die Kunst der vielen kleinen Fragen. Die Kunst, die darin liegt, an jeden Ort, jeden Menschen und jede Situation eine Frage zu haben.

Die große Verunsicherung

Kurz vor Weihnachten fliege ich nach Deutschland zurück und mir fällt wieder ein, wie unzuverlässig die Welt geworden ist. Es ist seltsam. Ich hatte es tatsächlich beinah vergessen. Während ich in Italien war und sogar in Griechenland habe ich mich sicher gefühlt in meiner eigenen, kleinen Welt, mit meinen eigenen Themen und Fragen. Aber hier, hier liegt eine Unsicherheit in der Luft. Etwas, das den Eindruck vermittelt: Unsere Ordnung ist nur Schein und könnte jeden Augenblick zusammenbrechen. Und ich höre meine eigene innere Frage, die sich auf einmal misstrauisch anhört: Was geht hier eigentlich vor?

Zwei Wochen bin ich für einen Job in Norddeutschland unterwegs: Promotion für ein großes Telekommunikationsunternehmen. Jeden Tag stehe ich vor den entsprechenden Läden, spreche Menschen an und lade sie dazu ein, an einem Gewinnspiel teilzunehmen. Was ich daran mag, ist die Kleidung in den Unternehmensfarben. Kleidung, die mich neutralisiert und mir erlaubt, mich in eine Umgebung einzufügen, in der ich sonst zu sehr auffallen würde. Ich gehe eine Straße entlang und halbwüchsige Jungs sprechen mich mit dem Unternehmensnamen an und rufen mir hinterher: „Ey! Hast du mobile Daten für mich?“ Meine Promo-Kleidung ist eine Maske, durch die hindurch ich die Welt auf eine andere Weise wahrnehmen darf. „Hey“, sage ich, „wir haben heute ein tolles Gewinnspiel in unserem Shop…“

Aber dann halte ich inne, denn auf einmal wird es auf der Straße laut. Die Traktoren kommen.

Die Traktoren kommen, mit erhobenen Schaufeln, mit Hupen und blinkenden Lichtern, seltsam wirklich, etwas, was die Routine auf einmal unterbricht, was eigentlich nicht da sein sollte, aber trotzdem, unbestreitbar, da ist. Ein Riss in der Realität. Und ich stehe und schaue, bis der seltsame Zug vorbei ist. Ich fühle eine seltsame Mischung aus Angst und Aufregung. Verändert sich etwas? Aber wenn ja, wohin?

Bauerndemos: Rhetorische Fragen und eine leere Messehalle

Eine gute Woche vorher. Ich arbeite für eine dänische Firma auf einer Inneneinrichtungs- und Lifestylemesse in München. Es schneit. Die monumentalen Gebäude und breiten Straßen der Stadt sehen in all dem Schwarz-Weiß sehr ehrfurchtgebietend aus. Der große Streik hat gerade begonnen und auf der Messe ist deswegen wenig los. Viel Zeit, um sich zu unterhalten. Die meisten Menschen hier sind selbstständig und haben kleine oder mittlere Unternehmen. Kaum jemand da, der nicht mit der Regierung unzufrieden wäre. Doch die Gespräche drehen sich immer wieder um die gleichen rhetorischen Fragen: Warum hat Amerika überall auf der Welt Militärbasen? War Covid nicht überhaupt eine Lüge? Es bleibt oberflächlich, als sprächen die Leute über eine erfundene Welt aus einem Roman und nicht etwas, was hier und jetzt und in ihren eigenen Leben stattfindet.

Einmal höre ich ein Gespräch zweier Frauen im Vorbeigehen. „Wer demonstriert denn da eigentlich?“, fragt die eine. „Ach“, antwortet die andere und rückt ihren Schal zurecht, „die Traktorfahrer und die Schwurbler…“

Und der Vertreter neben mir murmelt halblaut, sodass nur ich es hören kann: „Die bediene ich nicht.“

Am letzten Abend tauchen die Leute von der Logistik einfach nicht auf. Vielleicht sind sie in der Blockade hängengeblieben. Niemand ist zu erreichen und wir, die wir zum Abbau geblieben sind, sind gezwungen, den Stand mit allen Produkten notdürftig unter Tüchern versteckt zurückzulassen. Es bleibt das Gefühl: Hier stimmt doch was nicht.

Fühlst du dich von mir belästigt?

Es gibt noch eine andere Frage, die mir in Deutschland gestellt wird. Ständig. Nicht immer ganz direkt, manchmal in Form eines unbeholfenen Witzes. Diese Frage ist: Fühlst du dich von mir belästigt?

Es ist der Handelsvertreter Mitte fünfzig, der, als er mich am Morgen zur Arbeit kommen sieht, spontan ausruft: „Wow! Du siehst heute umwerfend aus!“ Es ist der bekannte Bildhauer über achtzig, der mich nach der Arbeit zu einem Glas Sekt einlädt und mir mitteilt, ich sei ja eine wahnsinnig attraktive Frau und als junger Mann hätte er mich sowas von angebaggert. Immer sind diese Komplimente jetzt von einer Unsicherheit gefolgt, von einem unbeholfen ausgedrückten: Darf ich das sagen? War das okay?

Zu dieser Frage habe ich gemischte Gefühle. Ich weiß gar nicht genau, wann und wie sich das entwickelt hat. Ich habe in Albanien gelebt und in Marokko und mir dort gegenüber Männern eine unmissverständliche Deutlichkeit angewöhnt, um meine Grenzen zu schützen. Irgendwann Anfang des letzten Jahres kam ich nach Deutschland zurück und auf einmal wurde ich ständig gefragt: War das okay? Fühlst du dich jetzt unwohl?

Für mich persönlich ist die Frage irritierend. Eben, ich habe lange in Ländern gelebt, in denen Männer diese Frage nicht stellen, aber aus ihrem Wertesystem heraus eine starke Empfindsamkeit dafür besitzen, wenn sie merken, dass sie eine Grenze überschreiten. Albanische Männer können aufdringlich und unsensibel sein, aber wenn ich ihnen ganz direkt sage, dass ich ihr Verhalten nicht in Ordnung finde, löst das fast immer einen tiefen Schreck aus und eine wortreiche Entschuldigung. Ich habe (aus meinem Hintergrund und meinen Erfahrungen heraus) ganz viel Vertrauen in meine eigene Fähigkeit, solche Dinge zu kommunizieren und ich sage auch den Männern in Deutschland: Glaub mir, wenn du meine Grenze überschreitest, bekommst du das mit.

Gleichzeitig denke ich: Wenn sie da wirklich kein Gefühl für haben – was aus ihrer Erziehung und Prägung heraus vorstellbar ist – ist es ein guter Weg, nachzufragen. Ich schätze diese Bemühung. Und trotzdem bleibt in all diesen Kontakten: Eine grundlegende Unsicherheit. Misstrauen gegenüber der eigenen Fähigkeit, zu erkennen, welches Verhalten okay ist und welches nicht. Misstrauen gegenüber der Fähigkeit des Gegenübers, eigene Grenzen zu schützen und zu kommunizieren und aus dieser Souveränität heraus im anderen erstmal keine bösen Absichten zu vermuten. Die große Verunsicherung.

Die Wirklichkeit, die die Menschen hier umgibt, erscheint wacklig, irreführend.

Die Wirklichkeit, die die Menschen hier umgibt, erscheint wacklig, irreführend. Als könne alles, was sie hält, ihnen ständig entgleiten.

Das kleine und das große Leben

Die albanisch-britische Politikwissenschaftlerin Lea Ypi hat dazu einen Satz geschrieben, der mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist:

„We never make history under circumstances we choose. “

Im Rückblick erscheinen geschichtliche Ereignisse als etwas Klares, Eindeutiges, in dem jeder der Menschen, die daran teilgenommen haben, eine eindeutige Rolle spielt. So, als befänden wir uns ständig bewusst auf der großen Bühne des Weltgeschehens. In der erlebten Realität haben wir Geldsorgen und Liebeskummer und hundert eigene, ganz persönliche Themen, hinter deren Wirklichkeit das Weltgeschehen zu etwas Abstraktem wird. Die meisten Menschen diskutieren die großen Ereignisse der Welt, die Bedrohungen, Hoffnungen und Entwicklungen, als etwas, das weit von ihnen entfernt ist. Sie setzen ihr eigenes Erleben nur selten in Beziehung dazu und sie nehmen die gesellschaftlichen Dimensionen ihrer persönlichen Herausforderungen kaum wahr.

Wir machen Geschichte nie unter Umständen, die wir uns aussuchen – und vor allem machen wir Geschichte innerhalb unserer eigenen, kleinen Leben und meistens, ohne die großen Auswirkungen unserer kleinen Entscheidungen direkt zu reflektieren.

Hier ist die alte deutsche Frage nach dem Nationalsozialismus, die grundlegendste unserer Unsicherheiten: Wie konnte das passieren? Vor dem Hintergrund von Lea Ypis Satz wird es nur allzu nachvollziehbar. Und es wird gleichzeitig schmerzhaft deutlich, dass etwas ähnlich Schreckliches jederzeit wieder geschehen könnte, solange wir die Brücke zwischen dem Persönlichen und dem Überpersönlichen nicht als Lebensrealität und Entscheidungsgrundlage etabliert haben

Weltmüdigkeit und Menschenliebe

Während ich auf der Straße stehe und mein Gewinnspiel bewerbe, sehe ich jeden Tag viele unterschiedliche Menschen an mir vorbeigehen. Und weil ich so viele Menschen sehe, erkenne ich die Muster. Mir fällt auf, dass mehr und mehr Menschen mit Kopfhörern in den Ohren durch die Stadt gehen. Eine Weltmüdigkeit, das starke Bedürfnis, sich einen sicheren, kleinen Kokon zu bauen, den sie überallhin mitnehmen und den nichts und niemand mehr ungefragt betreten kann. Gerade jüngere Menschen reagieren immer öfter zutiefst erschrocken auf das Ereignis, von einer Fremden angesprochen zu werden und wollen sich dieses Kontaktes so schnell wie möglich wieder entledigen.

Zugleich sehe ich aber auch, dass der Schock der Covid-Isolation in vielen anderen zu einer tiefen Wertschätzung eben dieses menschlichen Kontakts geführt hat. Einmal beobachte ich im Bus eine Szene, in der zwei ehemalige Arbeitskollegen sich zufällig wiedertreffen. Beide liegen sich lachend in den Armen und als seine Kollegin aussteigen muss, bleibt der ältere Mann zutiefst beglückt zurück und erzählt dem ganzen Bus, wie schön es früher war, mit dieser Frau zusammenzuarbeiten und wie viel Spaß sie immer gehabt haben. Er wirft beide Arme über den Kopf nach oben und ruft laut aus: „Danke! Danke du da oben, wer auch immer du bist, Manitou oder… Danke für das schöne, schöne Leben!“

Die Notwendigkeit, Fragen zu stellen

In solchen Momenten spüre ich selber ganz tief, wie sehr ich Menschen liebe. Und die Weltmüdigkeit und die Menschenliebe: Beides sind Muster unserer Zeit. Wir machen Geschichte. Jetzt.

Wir machen Geschichte, während wir arbeiten, lieben und konsumieren. Wir treffen individuelle Entscheidungen, über die in den Geschichtsbüchern der Zukunft als kollektive Entwicklungen berichtet werden wird. Und die Frage nach den Mustern darin, die vielen kleinen Fragen, sind deswegen keine müßige Freizeitbeschäftigung. Sie sind zutiefst notwendig, um zu erkennen, welche Rolle unsere kleinen, unbedeutenden Leben in der Geschichte spielen.

Der junge Mann aus Bangladesh, den ich in Neapel getroffen habe, hat mit einer viel zu großen Frage begonnen und mit einem viel zu großen Vertrauen in die Fähigkeit einer Fremden, ihm diese Frage zu beantworten. Aber: Er hat begonnen, und davor habe ich Respekt. Es gibt nämlich keine schlimmere und folgenreichere Dummheit als die von Menschen, die glauben, sie hätten schon alles verstanden. Die versuchen, sich ihrer großen Unsicherheit zu entledigen.

Fragen könnten die Türen sein, durch die die Welt in uns eintritt und uns verändert. Und die vielen kleinen Antworten, die wir finden, sind die Voraussetzung dafür, zu bewussten und unabhängigen Menschen zu werden, die in ihren persönlichen Entscheidungen Verantwortung für die kollektive Geschichte übernehmen.

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