In Ksamil ist nach der Apokalypse vor der Apokalypse. Jetzt, im April, ist dort kaum ein Mensch zu sehen, bis auf die Arbeiter, die noch mehr neue Hotels und Wohnungen bauen. Auf der Strandpromenade gähnende Leere. Der Winter hat getan, was er konnte, um die Bars am Meer zu zerstören, aber jetzt ist ihm die Kraft ausgegangen und es wird nicht mehr lange dauern, bis der Wiederaufbau beginnt. Der kleinere Nachbarort von Saranda war vor 1991 – wie Bledi, einer meiner Interviewpartner, schreibt – „wie ein Inseltraum, weit weg, am Ende der Welt, nur für die Familien der Offiziere erlaubt“. Heute ist es eine Ansammlung von illegal gebauten Hotelblöcken und Bauruinen, die dystopisch wirken würde, wäre sie nicht umgeben von dem strahlenden Grün und Blau der albanischen Riviera.
Die unerzählte Geschichte
Ich bin auf dem Weg zu Aleksander und Linda, die dort einen einfachen, kleinen Campingplatz betreiben. Aleksander kenne ich nur flüchtig von einem einzigen Besuch vor zwei Jahren, aber schon damals hat er mich mit seinem tiefen Wissen über die albanische Geschichte beeindruckt. Ich bin mir nicht mal mehr ganz sicher, wo genau der Campingplatz ist, aber nach einem langen Spaziergang in der brennenden Mittagssonne finde ich ihn schließlich wieder.
Linda erinnert sich nicht an mich, strahlt mich aber trotzdem an wie einen lang erwarteten Besuch. Ich habe mein Anliegen kaum vorgebracht, da sagt sie schon: „Setz dich doch erst einmal. Ich mache dir einen Kaffee. Und dann haben wir den ganzen Nachmittag Zeit zum Reden.“

Neben dem, was Aleksander mir über die albanische Geschichte erzählt, wirkt die Aufarbeitung der Museen in Tirana wie eine bloße Touristenattraktion.
Jetzt erfahre ich, warum die offizielle Geschichte 1991 endet: Die Menschen, die heute in Albanien an der Macht sind, sind fast ausschließlich die Kinder ehemaliger Parteifunktionäre.
Der Vater des heutigen Ministerpräsidenten hat zu Zeiten des Kommunismus Todesurteile für politische Gefangene unterschrieben. Und nicht nur das. Wer vor 1991 für den Staat gearbeitet hat, hat im Alter eine gute Rente bezogen. Die ehemaligen Gefangenen des Regimes von Enver Hoxha dagegen sind in der Regel in Armut gestorben. Die Zeit in den Gefängnissen und Arbeitslagern ist bis heute nicht als rentenwürdige Arbeitszeit anerkannt. Zwar wurden immerhin nach dem Ende des Regimes schleppend gesetzliche Möglichkeiten geschaffen, Kompensationszahlungen zu beantragen. Bis heute haben aber viele der Opfer keine Entschädigungen oder andere staatliche Unterstützungen erhalten. Nicht überraschend mit dem Wissen, dass die Unterschriften unter den Todesurteilen und die Unterschriften unter den Gesetzen zur Kompensation der Opfer aus den selben Familien stammen.
Über Menschen, die nicht vergessen wollen
Das Gespräch mit Aleksander wird mich noch lange beschäftigen. Und nicht nur wegen der Fülle an Informationen, Quellen und Namen, die ich von ihm bekomme. Er erscheint mir wie ein lebendes Lexikon, einer der Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, nicht zu vergessen. Die Kenntnis der Geschichte ihres Landes nicht von der offiziellen Propaganda übermalen zu lassen. Während Linda die ankommenden Touristen mit Kaffee und Freundlichkeit versorgt, rücken Aleksander und ich der Sonne hinterher. Er teilt seine Geschichte, sein Wissen und auch sein Nicht-Wissen-Wollen mit mir. Ich spüre, wie durch das Erzählen und Zuhören zwischen uns etwas wie eine Stille entsteht. Als würde etwas Farbe bekommen. Etwas Ungehörtes tief aufatmen.
Als die Schatten uns endgültig einholen, wird Aleksander müde und ich breche auf. Zum Abschied schütteln mir beide die Hand und bedanken sich bei mir. „Danke, dass du diese Geschichte erzählst“, sagt Aleksander. „Wir würden es selber tun. Aber wir haben keine Zeit.“
Das Leben ist immer ein Leben danach
Kaum bin ich zurück in unserer Wohnung, schreibe ich wie im Fieber alles auf, was ich erfahren habe. Dann lege ich mich aufs Sofa. Auf einmal ist mir übel. Die Abendsonne scheint zwischen den orangefarbenen Vorhängen hindurch und was ich gehört habe, kommt erst jetzt emotional so richtig bei mir an. Zerschossene Straßenschilder, mysteriöse Golddiebstähle, Exil-Albaner, von der CIA in Stuttgart und Malta zu Agenten ausgebildet. Edmond Caja, als Generaldirektor der Gefängnisse unter Enver Hoxha für seine Grausamkeit bekannt, der bis heute unbehelligt in Deutschland lebt. Ich erinnere mich, was Aleksander über die Menschen gesagt hat, die 1991 aus den Gefängnissen zurückkamen. „Die wollten nicht reden. Die hatten eine Todesangst vor dem Reden. Sogar ihre Kinder haben Angst. Ich erkenne die, wenn ich sie sehe.“
Ich erinnere mich an manche Menschen, die ich in Albanien kenne und deren Verhalten bis jetzt für mich rätselhaft war. Auf einmal fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Da sind Verhaltensweisen, die als mögliche Traumafolgen aus dem Kommunismus plötzlich sehr viel Sinn ergeben. Menschen, die sich ständig versichern wollten, dass wir mit niemandem besser befreundet waren als mit ihnen und fast mantraartig davor warnten, den anderen zu vertrauen. Außenseiter, die Fragen über den Kommunismus immer ausgewichen sind, die alkoholsüchtig waren, manchmal tagelang traurig in einer Ecke saßen und ihren heranwachsenden Töchtern verboten, alleine das Haus zu verlassen. Menschen, die geplagt waren von einer scheinbar irrationalen, intensiven Angst. Jetzt kommt mir nichts davon mehr seltsam vor.
Dass das Verhalten anderer Menschen für uns unverständlich ist, liegt meistens nur daran, dass wir das kollektive Feld, in dem sie sich befinden, noch nicht richtig verstehen.
Als Saranda keine Vergangenheit mehr hatte
Zeitgleich führe ich ein zweites Interview per Sprachnachricht über Facebook. Auch Bledi ist ein Mensch mit einer außergewöhnlich starken Erinnerung. Ich bin schon vor zwei Jahren auf ihn aufmerksam geworden, weil er auf Facebook Fotos und Geschichten von dem Saranda seiner Kindheit und Jugend geteilt hat. Die Sprachnachrichten, die er mir schickt, sind oft so feinfühlig, poetisch und farbig, dass ich sie Wort für Wort abdrucken könnte. Ähnlich wie Aleksander hilft er mir mehr als bereitwillig. Oft antwortet er mir spät abends, nach seiner Schicht als Kellner, oder mitten im Lärm einer Baustelle, weil er mich nicht warten lassen will.
Seine Erinnerungen verändern das Bild der Stadt, in der ich Kaffee trinke, spazieren gehe und mir die Haare schneiden lasse. Beide Bilder schieben sich übereinander wie zwei Filme, die parallel ablaufen. In mir verstärkt sich das Gefühl, ein Gefäß zu sein, in dem die Gedanken der anderen zusammenfließen.

Mehr noch als die konkreten Informationen sind in mir die Bilder und Narrative lebendig, die das Leben der Menschen hier prägen. Das Bild von Saranda in den Neunziger Jahren, das in mir entsteht, ist das Bild einer Stadt, die scheinbar keine Vergangenheit mehr zu haben schien. Das Bild einer Harmonie, die nie existiert hat und doch jedes Jahr mehr verloren wird.
Orangenblüten und Bougainvilleas
Sowohl Bledi als auch Aleksander schildern mir den Blütenduft, der in den Neunzigern in der Luft lag. „Die Blumen von heute“, sagt Bledi, „sind aus Holland. Die Blumen von heute duften nicht.“ Und ich gehe jetzt durch die Straßen und suche immer nach den Resten dieses Duftes. Wenn Mark und ich abends den Weg zur Promenade hinuntergehen, um nach einem langen Tag am Computer noch ein bisschen Bewegung zu bekommen, bleibe ich stehen, weil mich unverhofft so eine Wolke von Blütenduft einhüllt. Meistens ist es der schwere, süße Duft der Orangenblüten. Dass es sich bei den verlorenen Blumen aber vor allem um Bougainvilleas handelt, das lerne ich ausgerechnet im Archäologischen Museum.
Mosaike, Farbfotos und zwei einsame Museumswärter
Dieses archäologische Museum besteht aus einem einzigen Raum, auf dessen welligen Boden sich ein über 1000 Jahre altes, halb zerstörtes Mosaik befindet. Sonst gibt es nur noch ein paar zerbrochene Tonkrüge, Fotos in mittelmäßiger Qualität und einen Museumswärter namens Emiliano, der die meiste Zeit des Tages alleine dort verbringt.
„Siehst du diese Blüten?“, fragt er, als wir gemeinsam hinter der Absperrung stehen und die Überreste des Mosaiks betrachten. „Das sind Bougainvilleas. Die gab es hier damals schon. Früher hatte jedes Haus einen Bougainvillea-Strauch.“

Ich bleibe über eine Stunde in dem staubigen, kleinen Raum. Wir reden über Albanien und über Deutschland. „Warum sind Deutsche so kalt zueinander?“, fragt Emiliano mich irgendwann. Ich gestehe, dass ich es nicht weiß. „Ich kenne keine einzige Erklärung dazu. Niemand, den ich kenne, scheint wirklich zu wissen, wann und warum das so geworden ist.“
Im zweiten Museum, das sich „Traditionsmuseum“ nennt, herrscht ein großes Chaos aus traditionellen Kleidern, Geschirr und alten Fotos aus verschiedenen Perioden, ohne jede erkennbare Ordnung. Der Wärter dieses Museums ist ein junger Mann, dessen Jacke und Schuhe selbst so aussehen, als habe er sie aus dem Schrank seines Großvaters. Er folgt mir auf Schritt und Tritt und erzählt mir auf Albanisch mit monotoner Stimme Dinge über die Geschichte Sarandas, die ich größtenteils nicht verstehe. Währenddessen blättere ich in Alben mit Farbfotos aus den Neunzigern und Zweitausendern, die an den Rücken schon auseinanderfallen. Bougainvillea-Sträucher, tatsächlich. Explosionen von Rot, Weiß und Purpur, die über helle Mauern wuchern. Ein Karussell, auf dem die Wagen Tassen sind und die Mitte eine Espressokanne. Zwei fauchende Füchse in einem pinken Käfig an der Strandpromenade.
Der Mythos vom verlorenen Paradies
Während ich langsam zurück zu unserer Wohnung gehe, ist es schon Nachmittag geworden. Es ist über 25 Grad und die Stadt wirkt schläfrig, wie sie das immer tut um diese Zeit. Ich denke über die Blüten nach und über das Bild eines verlorenen Paradieses, das mir immer wieder begegnet. Auch das ist ein Narrativ, was ich mehr als einmal gehört habe: Eine Schönheit, zerstört in den Wirren von Bürgerkrieg und Korruption nach dem Ende des Kommunismus, bedroht durch die Eifersucht der Griechen und geheime Pläne Amerikas. Es ist eine Geschichte, die teils in mysteriösen Andeutungen erzählt wird, teilweise in konkreteren Vermutungen wie der, der Bürgerkrieg sei von der CIA geplant gewesen.
Ohne dass ich es schon ganz logisch erfassen kann, spüre ich, dass es sich um ein ähnliches Konstrukt handelt wie bei der „verlorenen Harmonie“, die zum Beispiel Raffaele LaCapria in seinem Buch über Neapel immer wieder beschwört. Es scheint mehr als einen Ort auf der Welt zu geben, der diese Geschichte über sich selbst erzählt. Ich weiß noch nicht warum. Klar, es fällt schwer, sich eine Küstenstadt an der Nordsee als gefallenes Paradies vorzustellen. Manche Orte eignen sich dafür wohl einfach besser als andere. Aber kann es sein – und auch das ist ein noch nicht ganz ausgereifter Gedanke – dass der Fortschrittsglaube westlicher Länder eine ähnliche Idee eines Paradieses in sich trägt? Nur, dass diese Idee in dem Fall eben in die Zukunft verlegt wird und nicht in die Vergangenheit?
Mit all dem bin ich mir noch nicht sicher. Aber ich beginne zu erkennen, dass ich, um über Saranda zu schreiben, nicht nur die Traumata dieser Menschen verstehen muss. Sondern auch ihre Träume.
Anmerkung: Bougainvilleas stammen aus Südamerika, von daher habe ich mittlerweile meine Zweifel, ob das tatsächlich die Blüten auf dem Mosaik sind. Nach einem journalistischen Standard ist das wahrscheinlich nicht wahr. Es ist aber wahr innerhalb der gefühlten Geschichte von den verlorenen Blumen – deshalb habe ich es trotzdem so stehenlassen.


Hinterlasse einen Kommentar