Schon morgens um zehn ist es zu heiß, um in der Sonne zu sitzen. Ich bin in dem unheimlichen Viertel hinter dem Bahnhof untergekommen, in einem Hostel, das von dem niemals lächelnden und Kette rauchenden Besitzer mit eiserner Hand regiert wird. Hier ist alles geregelt, bis hin zum Barfuß-Verbot. In der Küche hängt ein Zettel, auf dem in schiefen Buchstaben steht: Die Videokameras sind angeschaltet. Wir sehen euch nachts! Draußen auf der Straße liegt überall Müll, Kleider und einzelne Schuhe. An den Ecken stehen Männer, als wäre es ihr einziger Lebenszweck, vorbeigehende Frauen bedrohlich anzustarren und sie dann zum Kaffee einzuladen. Diese Aufgabe verfolgen sie mit so viel Elan, dass es manchmal wirklich absurde Züge annimmt. Einmal folgt mir ein Mann, dessen Einladung ich schon deutlich ausgeschlagen habe, in die Bäckerei, in der ich mein Mittagessen kaufe und versucht, gegen meinen Willen für mich zu bezahlen. Zum Glück sind die Verkäuferinnen auf meiner Seite und ignorieren den ausgestreckten Geldschein. Ein ganz normaler Nachmittag an der Piazza Garibaldi.
Während ich das schreibe, kann ich mir die Empörung vorstellen, die manche meiner Freundinnen über diese Textstelle empfinden werden. Aber was soll ich machen? Neapel hat mich wieder, Neapel hat mich so sehr, dass ich die Angst auf dem Nachhauseweg in Kauf nehme für die irre Freude über immer neue Seltsamkeiten und Wunder. Neapel ist die Variable in der Gleichung, die den Rest meines moralischen Bewusstseins einfach negiert. Neapel ist die Schönheit des Chaos, das nur das wirklich Unzerstörbare zurücklässt. Das pure Leben an sich.
Der Ernst, der in der Menge verloren ging
Diesmal lese ich „Napoli a occhio nudo” (Neapel mit bloßem (oder wörtlich übersetzt: mit nacktem) Auge) des toskanischen Schriftstellers Renato Fucini, der sich am Ende des 19. Jahrhunderts in der Stadt aufhielt. Obwohl zwischen uns mehr als ein Jahrhundert liegt, finde ich meine Eindrücke in seinen Texten auf verblüffende Weise wieder. Auch er scheint den gleichen Anflug von schlechtem Gewissen zu empfinden angesichts des Verdachts einer Romantisierung des Elenden, wenn er an seinen Freund schreibt:
„Leider wird sogar für diese dürren Notizen die Stunde der traurigen Töne kommen, und ich werde meine sorglosen Künstleraugen schließen müssen, wenn ich in der Überschwemmung der Erniedrigung und des Elends versunken sein werde; aber nun lass mich auf meine Weise umherschweifen, lass mich die Wollust dieser Meeresbrise einatmen, die mich mit ihren samtenen Flügeln umschmeichelt, lass mich leben und genießen, lass mich bis zur Sättigung schwelgen, wenn du nicht willst, dass ich dir im Tausch gegen eine kindliche, aber freimütige Freude die Verfälschung eines Ernstes vorspiele, den ich in der Menge verloren habe und den ich jetzt vergeblich suchen würde.
Wer bei einem solchen Anblick Unbehagen empfindet oder nicht angenehm erregt ist, der möge die Hilfe der Heilkunst in Anspruch nehmen, denn sein Blut ist fehlerhaft.“
Ich habe es früher schon geschrieben und ich kann es nur wiederholen: Neapel ist für mich die schönste Stadt, die ich kenne, weil das scheinbar Unvereinbare hier nicht voneinander getrennt ist. Hier zierliche weiße Säulen inmitten des dschungelartigen Grüns der Parks im Frühling; draußen vor dem Tor tanzt ein Mann mit nur einem Schuh zu einer unhörbaren Musik und streckt den vernarbten, nackten Fuß in die Luft.

Und ist es wirklich eine Romantisierung, dass ich mich nicht davon abhalten kann, auch in diesem Anblick eine Art von Schönheit zu sehen?
Über die Angst davor, böse zu sein
Ich glaube, es ist auch meine Kultur, die mir das schlechte Gewissen darüber beigebracht hat. Wie alle Deutschen bin ich aufgewachsen mit der Idee, schuldig zu sein. Alles Böse, was es gibt, das böseste Böse, das unvergleichliche Böse, haben wir schon getan. Wir können uns keinen Fehler mehr erlauben. Wir dürfen nie mehr auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Ab jetzt und für immer werden wir die Guten sein. Und die Moral ist der Kompass, mit dem wir uns unser Gut-Sein bestätigen.
Das zusammen mit dem Narrativ, dass es uns besser geht als überall sonst auf der Welt – ein unverdienter Reichtum, den wir erst recht mit noch mehr Gut-Sein ausgleichen sollten! – macht es zu einem kleinen Verbrechen, im Elenden Schönheit zu sehen.
Und ich kann nicht anders.
Ich kann nicht anders, weil ich Künstlerin bin. Moralische Kunst funktioniert nicht, weil die Moral das Schönheitsempfinden beschränkt, was in seiner Natur darüber erhaben ist. In der Kunst kann es kein Gut und Böse geben, sonst wird sie zur Propaganda. Und das beste Handwerkszeug hilft nicht, wenn ich nicht in der Lage bin, den Schatten mit dieser „kindlichen und freimütigen Freude“ anzuschauen, die Fucini beschreibt, selbst auf die Gefahr hin, dass er mich frisst. Ich muss meine Angst vor dem Böse-Sein aufgeben, um etwas schaffen zu können das grösser ist als mein kleiner Verstand.
Das Leben lesen lernen
Und es ist Sommer in Neapel. In den engen Gassen der Altstadt riecht es nach Frittierfett und Waschmittel, die Abenddämmerung unten am Meer ist lang und blau und auch lange nachdem es dunkel geworden ist bleibt es immer noch warm. Auf der Piazza Gesu wird ein Varieté-Theater aufgeführt, es gibt Konzerte um Mitternacht, es gibt Cafés, die bis zum Morgen offenbleiben. Das einzige Café in Neapel, das sich zum Arbeiten an einem alten Laptop ohne funktionierenden Akku eignet, ist immer voll und ich muss früh aufstehen, um einen Platz zu bekommen. Nachmittags sitze ich oft bei den Straßenkünstlern vor der Kirche Santa Chiara. Ich hocke auf dem Boden, rauche, manchmal fährt ein Auto so nah an mir vorbei, dass es mich beinah streift. Wir diskutieren über Freimaurer, Tarotkarten und den künstlerischen Wert von Monika Bellucci.
„Wenn du schreibst“, fragt mich eine rumänische Malerin, „dann liest du bestimmt auch viel, oder?“
„Ja“, sage ich, „aber nicht nur Bücher. Früher habe ich wirklich viele Bücher gelesen, aber jetzt habe ich gemerkt, dass ich auch einfach das Leben selbst lesen kann, wenn ich es mit der gleichen Aufmerksamkeit anschaue.“
Herzsprache und Kopfsprache
Irgendwo dazwischen hat das Italienische begonnen, sich anzufühlen wie meine eigene Sprache. Natürlich suche ich immer noch nach Worten, mache Fehler und manche der Ausdrücke, die ich benutze, sind pure Erfindungen. Aber: Mein Sprechen ist keine Wort-für-Wort-Übersetzung aus dem Deutschen mehr. Ich denke auf Italienisch, ich fühle in Italienisch und ich denke und fühle Dinge, die mir im Deutschen gar nicht zugänglich sind. Mir war noch nie so bewusst, wie Sprache Bewusstsein formt.
Auf der einen Seite meine Muttersprache, die alles ganz genau benennt und die klar und kraftvoll ist wie Donner und Blitz. Es ist eine Sprache der Analyse und der Erklärung, anders als das halbschattige, herzverbundene Italienisch, in dem alles emotional wird und ich Gefühle ausdrücken kann, für die ich im Deutschen gar keine Worte habe. Eine Sprache, in der meine deutschen Erklärungsversuche auf der anderen Seite zu einer Art seltsamen Theaterauftritten werden und irgendwie immer viel zu dramatisch klingen.

Allein diese zwei Sprachen erschaffen zwei quasi konträre Bewusstseinszustände in mir und der Versuch, dazwischen hin und her zu navigieren und irgendwie eine gemeinsame Wahrheit zu finden, führt immer wieder zu Verwirrung.
Abends um halb zwölf gehe ich in eine kleine Bar bei Santa Chiara, um mir ein Konzert anzuhören. Der Besitzer, Giuseppe, ist eigentlich Dirigent – das Café ist sein Hobby. Ein betrunkener Franzose an der Theke entwickelt einen spontanen Schutzimpuls für mich, nachdem ich ihm ein düsteres Gedicht vorgetragen habe. Das bedeutet, ich muss nicht alleine zur Piazza Garibaldi zurücklaufen, eine gute Sache morgens um zwei. Er hat lange in Neapel gelebt und spricht einen neapolitanischen Dialekt mit französischem Akzent.
„Neapel ist so verrückt“, sagt er, „wie könnte es anders sein in einer Stadt, die neben einem Vulkan gebaut worden ist? Das ist das Magma unter uns, ich bin ganz sicher.“
Der Preis für das Schweigen und der Preis für die Worte
Der spontane Impuls hat hier immer das Vorrecht vor den langfristigen Auswirkungen. Mein Freund Dario käme nie auf die Idee, bei einer schwierigen Entscheidung die Folgen abzuwägen – bei ihm ist die Frage immer: „Was fühlt sich am Natürlichsten an?“ Alles andere lehnt er als zu mental und überzivilisiert ab. Ein anderer Freund aus Neapel warf mir kürzlich vor, ich würde meine Gefühle „bürokratisieren“ und fragte mich am Ende unseres Gespräches, ob er jetzt noch irgendwas abstempeln müsse. Und wow! Was löst diese Haltung für eine Sehnsucht in mir aus! In mir gibt es einen Anteil, der hat sich schon immer mit Händen und Füssen gegen die gnadenlose Klarheit des deutschen Bewusstseins gewehrt. Mich nicht mehr definieren zu müssen, nicht stabil sein zu müssen, in jedem Moment ganz mit der Gegenwart da sein zu dürfen.
Das Problem dabei: Diese Harmonie ist ein Traum. Sie ist nicht die Realität, selbst nicht in Neapel. Dario verteidigt sein Konzept der „Natur“ in langen, erregten Monologen, bis wir anderen einfach sagen, jaja, du hast Recht, nur damit er aufhört zu reden. Er ist ein zutiefst nervöser Mensch, der weit entfernt ist von dem bedingungslosen Vertrauen in seine eigene Natur, das er propagiert.

Irgendwie zahlen wir alle einen Preis. Mark hat vor ein paar Tagen zu mir gesagt:
„Wenn wir Dinge nicht mit uns selber ausmachen, wenn wir schon den Prozess teilen und nicht erst das Ergebnis, dann kriegen wir natürlich auch einen klaren Spiegel – weil wir dann nicht verhindern können, dass sichtbar wird, wo wir wirklich stehen und nicht, wo wir gern sein würden.“
Die Weigerung, über Gefühle zu sprechen, klar zu sein über das, was in mir ist, ist auch ein Schutz für die Illusionen, die ich von mir selber habe. Ich muss meine Geschichten dann nicht wirklich an der Realität testen.
Kanäle bauen für den Fluss des Lebens
Wir alle scheitern an dem Traum von der Harmonie. Wir alle scheitern immer wieder an unseren Traumata. In Deutschland versuchen wir einfach, Regeln und Systeme zu erfinden, um den Schmerz zu vermeiden. Wir glauben, alles reparieren zu können. Die helle Seite davon ist, dass wir damit oft Recht haben. Dass wir wirklich fortgeschrittene Methoden entwickeln, tief und achtsam miteinander in Berührung zu gehen. Das Innovationspotenzial dieses deutschen Feldes ist einfach wahnsinnig groß.
Und hier in Neapel springen die Menschen einfach in den Fluss des Lebens und überleben die Konsequenzen. Das führt zu Drama und dysfunktionalen Beziehungen, aber es führt auch dazu, dass dem Leben die Poesie nie abhandenkommt. In dieser Haltung gibt es einen großen Mut, sich dem Leben nicht zu verweigern und es eben auch nicht moralisch in Gut und Böse, Richtig und Falsch einzuteilen.
Wir zahlen einen Preis für die Worte. Wir zahlen einen Preis für das Schweigen. Für eins von beidem müssen wir uns immer entscheiden.


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