Die Angst der guten Menschen (und warum ich schon wieder nicht in Pompeji war)

Teil 1

Ich kann nicht schlafen. Ich kann oft nicht schlafen in Italien. Meistens aus Aufregung, heute Nacht wegen quälender Gedanken. Um mich herum höre ich das Atmen der fremden Frauen in meinem Schlafsaal, draußen, unter uns, rauscht der Verkehr. Manchmal sitze ich nachts mit meiner Handytaschenlampe und einem Buch auf dem schmalen Balkon, aber heute bin ich selbst dafür zu unruhig. 

Nachts an der Piazza Garibaldi

Ich gehe durch den dunklen Flur in die Küche und schalte das Licht an. Osman, einer der Jungen, die im Hostel arbeiten und uns hier bis nachts um zwei beaufsichtigen, protestiert. “Nach zwölf Uhr darf in der Küche kein Licht mehr brennen!” 

“Aber ich kann nicht schlafen…”, klage ich. Er schaut mich aus seinen merkwürdig glitzernden Augen an. Schlägt mir vor, mit ihm rauchen zu kommen. Um zwei, als seine Schicht zu Ende ist, gehen wir nach draußen. Das heruntergekommene Viertel am Bahnhof liegt jetzt menschenleer da. Keine herumstehenden Männer mehr, kein einziger Obdachloser.

Die Graffiti an den Wänden wirken wie entblößt in all dieser menschlichen Abwesenheit. Ein verlassenes Filmset. Aber ein Stück die Straße hinunter gibt es ein Café, in dem noch alle Lichter brennen. Die Tische sind voll, überall sitzen Menschen und essen Pizza und Cornetti, als wäre es mitten am Tag. Osman kauft eine Packung Zigaretten und wir gehen zurück bis an die Ecke vor dem Hostel. Setzen uns auf zwei zerfranste Korbstühle, die dort stehen, rauchen schweigend, hören Techno aus seiner Musikbox. Niemand kommt. Nichts passiert. Außer, dass ich mir plötzlich bewusst werde, dass wir nicht zufällig hier sind, dass es unser Film ist, unsere Kulisse, unsere Stühle. “Ich fühle mich, als würde ich schweben”, sagt Osman, “und als wäre ich aus Wasser” – und ich stelle mir einen großen, wabernden Wassertropfen vor.  

Sofia und die Bar, in die ich nicht alleine gehen soll

Nach drei Wochen an der Piazza Garibaldi fürchte ich mich nur noch selten. Einmal öffnet ein fremder Mann in einem Hauseingang vor mir den Reißverschluss seiner Hose und ich verabschiede mich so unbeeindruckt, als hätte er mich bloß zum Kaffee eingeladen.

Eines Morgens in einem Café an der Porta Capuana lerne ich eine Georgierin namens Sofia kennen, die mich in eine Bar in der Nähe meines Hostels einlädt – die mir bisher noch nie aufgefallen ist, weil sie von außen als Ticketoffice angeschrieben ist. Wir sitzen bis nach Mitternacht oben auf der Galerie und schauen in die Bar hinunter.

Aus den Boxen kommt georgianische Musik, so laut, dass man sich nur schreiend unterhalten kann, es ist heiß, die Luft ist kratzig vom Rauch vieler Zigaretten.

Ich trinke Aperol Spritz aus einem Plastikbecher. Jedes Mal, wenn einer der Männer versucht, mit mir zu flirten, geht Sofia energisch dazwischen. Ein marokkanischer Ex-Mafiosi mit schönen Händen legt ihr den Arm um die Schultern. “Es gefällt mir nicht, dass sie immer hier ist”, sagt er. “Ich weiß doch, was diese Männer über sie denken.” 

“Lass dich ja nicht auf den ein”, warne ich sie auf Englisch. Sie greift hilfesuchend nach meiner Hand und hält sie fest. Unten tanzen dünne, verbraucht aussehende Frauen, Prostituierte vielleicht. Als wir die Bar verlassen, fühle ich mich etwas benommen. “Schreib mir, wenn du im Hostel bist”, sagt Sofia. “Damit ich weiß, dass du sicher angekommen bist.” Sie winkt mit ihrer schmalen Hand mit den langen, lackierten Fingernägeln. 

Was einen Menschen von einer Pflanze unterscheidet

Es gibt einen wissenschaftlichen Versuch, der mich jetzt schon Jahre lang beschäftigt. Das ist die Beobachtung, dass gefrierendes Wasser mit klassischer Musik bespielt, schöne, regelmäßige Kristalle bildet, während die Struktur etwa bei Rockmusik deutlich unregelmäßiger und instabiler ist. Ähnlich ist es mit dem Wachstum von Pflanzen. Über die Jahre haben mir immer wieder Menschen von dieser Beobachtung erzählt. Meistens waren es Fans von klassischer Musik. Und ich habe mich immer gefragt: Warum hören trotzdem so viele Menschen gerne andere Genres von Musik, wenn es uns doch anscheinend nicht gut tut? 

In Italien begreife ich es dann plötzlich. Es gibt nämlich einen entscheidenden Unterschied zwischen uns und einer Pflanze, den wir bei einer so simplen Schlussfolgerung nicht berücksichtigen.

Eine Pflanze kann gar nicht anders, als in ihrer Natürlichkeit zu sein. Eine Pflanze hat keinen versteckten, verleugneten Schatten. Kann es sein, dass bestimmte Formen der Musik uns einfach dabei helfen, unseren Schatten an die Oberfläche zu holen? So wie ein trauriges Lied in einem Menschen jahrelang abgekapselte Trauer in Tränen verwandeln kann? Und dass wir deshalb das angeblich nicht Gute als so unfassbar angenehm empfinden – weil es uns Zugang gibt zu dem Teil von uns, den wir sonst nicht haben wollen?

Der Teil von uns, der alles enthält, vor dem wir uns fürchten: Unsere Schrecklichkeit, unsere Grausamkeit, unsere Schwäche. Aber auch das Licht, das zu groß ist für das Leben, das wir führen. 

Ein Russe und ein Ukrainer essen Pizza

Am Ende meines dreiwöchigen Aufenthaltes habe ich wieder einmal weder Pompeji noch den Vesuv besichtigt. Ich verbringe alle diese Tage auf genau dieselbe Weise: Mit hundert zufälligen Begegnungen. In dieser Stadt wird es mir nie langweilig.

Überrascht von einem rauschenden Gewitterregen stelle ich mich eines Vormittags in einer Bar in der Stadt unter. Während der Regen draußen auf die Markisen trommelt, unterhalte ich mich mit zwei Männern, die mich schließlich, als das Gewitter sich verzogen hat, in eine nahe Pizzeria zum Essen einladen. Beide leben schon über zehn Jahre in Neapel – einer ist Russe, der andere Ukrainer. “Das ist nicht unser Krieg”, erklärt der Ukrainer energisch. “Kriege werden von Regierungen gemacht, nicht von Menschen.” Und ich denke an einen Satz, den ich auf der Leipziger Buchmesse von einer polnischen Übersetzerin gehört habe: Der Krieg nimmt den Menschen die Individualität. Kann irgendjemand aus einer individuellen Perspektive einen Krieg unterstützen? Ist das nicht immer nur dann möglich, wenn wir unsere eigene Individualität und die Individualität aller anderen Menschen ausblenden oder sie sogar aberkennen?

Und hier in Neapel hängen überall palästinensische Flaggen. Währenddessen fährt der Ukrainer fort: “Ich glaube doch nicht, dass Alex ein schlechter Mensch ist, nur weil es in der Zeitung steht. Ich frage ihn lieber selbst. Bist du ein schlechter Mensch, Alex?” 

Der Russe lächelt bloß grimmig. Sein Freund sagt leichthin: “Die Russen sind schon in Ordnung. Nur ein bisschen hochnäsig vielleicht.” “Und ihr Ukrainer heult immer rum!”, sagt der Russe.

Wir lachen schallend. Wenn ich nach Deutschland zurückkomme, dann werde ich noch eine Weile lang Witze machen, über die keiner lacht. Wenn meine beiden Bekannten in ihre Heimatländer zurückkehren würden, dann müssten sie aufeinander schießen. 

Die innere Stadt

Auch mit meiner Freundin Lucie gehe ich immer wieder in der Stadt verloren. Ich habe sie schon in den ersten Tagen im Hostel kennengelernt, später schläft sie in einer überfüllten Kellerwohnung in der Altstadt bei Freundinnen auf dem Boden. Wir treffen uns in dem kleinen Kiosk an der Piazza Cavour oder in einem der versteckten, üppig grünen und halb verwilderten Parks. Wenn sie in ihre Heimat Frankreich zurückkehrt, dann wird sie dort vielleicht auch gegen den Genozid in Palästina protestieren. Hier in Neapel sitzen wir unter einer Kiefer im Botanischen Garten. Niemand, der sich über das Verlassen der Wege beschwert. Sie bringt mir Tarotlegeweisen bei. Ich probiere mit ihr eine energetische Heilmethode aus, die ich gerade gelernt habe. In unseren Gesprächen dehnt sich die Zeit aus und reicht plötzlich über die Begrenzung der üblichen Realität hinaus; alles ist verbunden, alles ist voller Zeichen und Geheimnis. Wir gehen durch die drückend heiße Stadt, halten an einem Brunnen voller Seerosen und hängen die Finger in das lauwarme Wasser.

Lucie lacht und sagt: “Wenn du nicht willst, dass dein Leben wie ein Roman ist, dann musst du auch aufhören, dich wie eine Romanfigur zu verhalten!” 

Natürlich ist das das Letzte, was ich vorhabe. Aber in all dem Chaos um mich herum wird Lucie für mich zum Punkt der Stabilität, weil durch ihre bloße Gegenwart die Dinge immer auf geheimnisvolle Weise an ihren natürlichen Platz zurückzukehren scheinen. Als sie fährt, wenige Tage vor mir und nachdem sie ihren Aufenthalt zum wiederholten Mal verlängert hat, winke ich ihrem Bus mit einem Taschentuch hinterher.  

Der gute Mensch

Dann, bevor es endgültig zurück nach Deutschland geht, fahre ich noch einmal an die Ostküste nach Bari. Ich habe schon einige Tage dort verbracht, als ich gerade mit der Fähre aus Albanien gekommen bin und dabei die Malerin Jara Marzulli kennengelernt. Jetzt kehre ich zurück, um ihr Modell zu stehen.  

Neapel zu verlassen, das fühlt sich auch dieses Mal an, als würde ich aus einem langen, seltsamen Traum aufwachen. In Bari ist der Himmel weiter, ausgebleicht vom Meer und es weht ein kühler Wind. An einem verregneten Nachmittag holt mich mein Freund Pino mit dem Auto ab und wir fahren nach Alberobello, um uns die Trulli anzusehen – traditionelle, runde Steinhäuschen mit kleinen Fenstern und spitzen Dächern, die aussehen, als kämen sie aus einem Märchenbuch.

Auf der Rückfahrt im Auto beklagt er sich wie so oft: “Immer gebe ich mir so viel Mühe, Menschen gut zu behandeln und nie zahlt es sich aus. Muss ich etwa böse werden, damit mir auch einmal etwas Gutes passiert?” 
Aus vollem Herzen sage ich: “Du solltest es ausprobieren!” 

Warum ein ängstlicher Mensch kein guter Mensch sein kann

Mittlerweile ist es dunkel und es regnet noch immer. In den nächsten Minuten versuche ich, ihn davon zu überzeugen, es auszuprobieren – eine Entscheidung gegen das zu treffen, was für ihn das Gute ist.

Ich bin ganz elektrisiert von dem Gedanken, dass gerade das Pinos große Schwäche ist, der Ursprung der Glanzlosigkeit in seinem Leben: Dass er in Wahrheit gar nicht in der Lage ist, sich dafür zu entscheiden, etwas Gutes zu tun und etwas Gutes zu wollen, weil der einzige Grund für seine Gutartigkeit die Angst vor seinem Schatten ist.

Er ist gar kein guter Mensch, sondern ein ängstlicher Mensch, und ich fühle jetzt ein diebisches Vergnügen dabei, ihm all die Argumente für das moralisch Falsche aufzuzählen – 

In diesem Moment sehen wir zwei junge Frauen, die an der Straße Autostopp machen. Natürlich hält Pino sofort an. “Was hätten sie gemacht, wenn ich sie nicht mitgenommen hätte?!”, sagt er. Ich drehe mich zu den beiden um. “Wie lange habt ihr gewartet?” 

“Drei Minuten…”, sagt unsere Mitfahrerin. 

Die Schönheit des schlechten Verhaltens

In dieser Nacht kann ich wieder nicht schlafen und tanze ganz allein im Kreis in Pinos Innenhof. Ich schreibe in mein Notizheft:  

“Ein Mensch, der seinen Schatten nicht lebt, ist langweilig. Jede umwerfende, faszinierende Schönheit hat etwas Bösartiges an sich. So wie ein Berg weder gut noch böse ist, sondern einfach schön. Und wenn es auf dem Berg einen Felssturz gibt und ich mich verletze, dann mache ich dem Berg keine Vorwürfe dafür. Ich frage mich nicht: Warum ist der Berg so böse zu mir? Ich frage mich: Was ist es, was ich nicht verstanden habe über den Berg? Gibt es etwas, was ich nicht berücksichtigt habe bei meinem Ausflug, dass ich in so eine gefährliche Situation gekommen bin?  

Es ist so verdammt beängstigend, aber wenn wir uns selbst verbieten, böse zu sein, wenn wir unseren Schatten verbannen und verstecken, anstatt ihn mitten ins Leben zu holen – dann nehmen wir uns auch die Möglichkeit, großartig und kraftvoll und eins mit unserer Natur zu sein wie ein Berg.” 

Ich kann nicht schlafen. Ich tanze im Kreis in Pinos Innenhof, erfüllt von einer irrwitzigen Lebendigkeit. Mein Schatten im Licht der grellen Glühbirne ist gestochen scharf.  

Ich habe selbst etwas Böses gemacht. Es war natürlich nicht das erste Mal und auch nicht das Schlimmste. Aber zum allerersten Mal habe ich es bewusst genossen.

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