Teil 2 (hier gehts zum vorherigen Beitrag)
Ich habe selbst etwas Böses gemacht, an einem meiner letzten Abende in Neapel.
Es war nicht das erste Mal, und es war auch nicht das Schlimmste, was ich getan habe. Wahrscheinlich war es überhaupt nicht wirklich schlimm. Aber: Es war das erste Mal, dass ich etwas getan habe, ohne überhaupt zu überprüfen, ob es gut oder böse, moralisch richtig oder falsch ist.
Mit Fremden ans Meer fahren
Das war wenige Nächte vor Vollmond. Ich ging stundenlang allein durch die Altstadt von Neapel und umso länger ich ging, umso mehr fühlte ich mich, als würde ich träumen. Gibt es etwas Schöneres als die Schlucht der engen Gassen mit all ihren Balkonen, Ornamenten, Stofffetzen, Wäscheleinen und dazwischen, klar und rund und strahlend, der Mond? Ich wurde so friedlich. Ein paar leichte Wortwechsel mit Fremden, ausgetauschte Blicke, der alte Bettler mit dem warmen Lächeln, dem ich heute zum ersten Mal Geld gebe und der mich mit “Ciao, principessa” verabschiedet, ein erleuchtetes Marienheiligtum, eine Katze, die in einem Schaufenster mit der Dekoration spielt. So vieles, was es wert ist, angeschaut zu werden, ohne es zu verstehen oder etwas darüber zu denken.
Schließlich gab es nichts Verpasstes, Ungetanes mehr, weil alles gerade wahr genug wurde, selbst das, was in meiner Dimension der Realität nie passiert war. In diesem Zustand, wie in Trance, begegnete ich schließlich einem Comiczeichner in der Schaffenskrise, der mich erst auf ein Bier und dann ans Meer einlud –

Du kannst nicht immer einfach wegrennen
Und natürlich wusste ich eigentlich, was es bedeutet, in Neapel nachts mit einer Frau ans Meer zu fahren. Aber nichts war größer in dem Moment als das Verlangen, den vollen Mond über dem schwarzen Wasser zu sehen. Und so fuhren wir und was war das schön! Die Schwärze des Meeres, die Gischt an den Felsen, die als Feuchtigkeit in der Luft blieb, der Geruch nach Salz und Algen.
Und dann, als der fremde Mann näherkam und mir die Hand auf den Rücken legte – wie man das tut, nachts in Neapel am Meer -, wurde mir wieder bewusst, in was für eine Situation ich mich gebracht hatte und dass ich nach den Regeln meines normalen Lebens in dieser Situation nicht sein durfte.
Ich bekam Angst. Und dann tat ich das, was in meinem traumähnlichen Zustand die einzige logische Reaktion war: Ich rannte.
Und dieser Moment des Wegrennens ist voller Leben. Die mondbeschienene Straße hinauf, weg vom Meer, als wäre ich nur noch Arme und Beine und Haar, das sich in rasender Geschwindigkeit von dieser falschen Situation entfernt, ich lache, während ich wegrenne, als wäre das alles nur ein Spiel, und es ist, als dringe das Mondlicht in meine Knochen und schiebe mich vorwärts, um eine Ecke und noch eine, bis ich mich atemlos in einem Hauseingang zusammenkauere.
Und mit wild klopfendem Herzen wird mir auf einmal klar, was ich getan habe und für eine unbestimmte Zeit sitze ich in dieser Ecke wie gelähmt vor Angst. Nicht Angst vor dem Mann, vor dem ich gerade weggelaufen bin. Sondern die pure, überwältigende Angst, die dir in die Knochen kriecht, wenn du dich entgegen der Regeln verhältst, die du dein ganzes Leben lang gelernt hast.
Regeln, die besagen, dass ich in so einer Situation hätte kommunizieren müssen und nicht einfach wegrennen kann; und sowieso ist es moralisch falsch, mit einem fremden Mann, der mich küssen will, ans Meer zu fahren, nur weil ich mir den Mond anschauen will.
Die Sonne fährt Bus in Neapel
Lange sitze ich in dieser Ecke wie gelähmt. Erst, als ich sicher bin, dass nichts mehr geschehen wird, stehe ich auf und beginne, in Richtung der Stadt zurückzugehen. Es ist etwa halb drei Uhr morgens und vor mir liegen zwei Stunden Fußmarsch durch die Außenbezirke von Neapel und wirklich einige gottverlassene Gegenden. Die Straßen sind leer, es riecht nach Minze und Feigenblättern, Katzen huschen vorbei. “Schutzengel, wenn es euch gibt”, bete ich leise, “jetzt brauche ich euch.”
Und dann, nur ein paar Minuten danach, geschieht etwas Unglaubliches: Neben mir hält ein Bus. Es ist keine reguläre Buslinie, sondern ein Busfahrer auf dem Heimweg nach Neapel, der – warum, kann er selbst nicht genau erklären – anhält, als er mich sieht. So stehe ich dann vorne im Bus, an der Frontscheibe, wo man normalerweise nicht stehen darf, während Luca, der Fahrer, durch all diese leeren Straßen mit mir zurück in die Stadt fährt und schallend lacht über meine Geschichte und wir freuen uns beide darüber, dass ich so dumm bin und trotzdem so viel Glück habe. “Na gut”, sage ich nach einer Weile, “wenigstens war ich jetzt am Meer.”
“In Ercolano”, sagt Luca, und wir müssen beide wieder darüber lachen.
“Ja, es war sehr schön”, sage ich, “mit dem Mond und dem Wasser.”
“Wenn du den Mond gesehen hast”, sinniert er, “dann bin ich jetzt die Sonne.”
“Die Sonne fährt Bus in Neapel”, sage ich zufrieden. “Tagsüber hat sie eine andere Arbeit, aber nachts fährt sie Bus in Neapel.”
Als ich mich an der Piazza Garibaldi von ihm verabschiedet habe, habe ich immer noch so viel Energie, dass ich in das Café weiter unten in meiner Straße gehen will, dass die ganze Nacht geöffnet hat. Aber als ich die erste einsame Gestalt sehe, die mitten auf der Straße steht und den Mond anstarrt wie ein verlaufener Pilger, sehe ich ein, dass ich das Können meiner offensichtlich existierenden Schutzengel für heute Nacht genug ausgetestet habe und kehre um.
Am nächsten Morgen wache ich auf und erschrecke noch einmal zutiefst über mich selbst. Schicke eine Sprachmemo an meinen Partner und gehe danach erstmal Zigaretten kaufen vor Nervosität, dass er mir dieses Abenteuer übelnehmen wird. Tut er nicht. Und der Schrecken verflüchtigt sich bald und alles, was bleibt, ist diese sprudelnde Lebendigkeit. Als könnte mich jetzt nichts und niemand mehr aufhalten. Ich bin im Reinen mit mir, auch wenn ich es nicht sein sollte.
Aber wie schön dieses Mädchen ist!
Und so endet mein Aufenthalt in Italien schließlich. Bei Jara in Bari. Schon an dem Nachmittag, als ich bei ihr ankomme, gehen wir in ihr Atelier, um die Fotos für die Gemälde zu machen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich fotografieren lasse; aber es ist völlig anders, als für einen Mann Modell zu stehen. Männer fotografieren in mir immer ihre Fantasie davon, was eine Frau ist. Jara fotografiert sich selbst in mir und irgendwo dazwischen entsteht eine solche Wärme und Intimität, dass ich fast vergesse, dass ich überhaupt posiere.
Später gehen wir in die Stadt und treffen uns mit ihrem Partner Marco, einem weißhaarigen Musiker, übersprudelnd vor Worten und Energie. Wir trinken Bier. Ein anderer Mann, ein Bekannter der beiden, verliebt sich schockartig in mich, zumindest solange, bis wir uns über das Adoptionsrecht für Homosexuelle streiten. Jara und Marco kabbeln sich, gestikulieren und schneiden Grimassen, dass sie mir vorkommen wie zwei Stummfilmschauspieler. Immer wieder breitet Marco beide Arme aus und sagt mit theatralischer Geste zu Jara: “Ma com′è bella, questa ragazza!” Aber wie schön dieses Mädchen ist!
Weit nach Mitternacht gehen wir in seine altmodische, dunkle Wohnung voller Bücherregale. Jara und ich liegen nebeneinander auf dem Boden, während Marco für uns Pasta kocht. Und in eben dieser Wohnung wache ich am nächsten Morgen auf – auf einem schmalen Bett neben einem Kontrabass – und fühle den vollkommenen Frieden.

Der vollkommene Frieden
Der vollkommene Frieden. Vielleicht ist er gar nichts anderes als die Abwesenheit von allem anderen. Der vollkommene Frieden ist ein Morgen, der einfach vergeht, der sonst nichts vorhat, schon gar nichts Schlimmes. Ein Morgen, an dem es gar nichts gibt, um die Zeit schneller zu machen, sodass sie endlich aufhört, zu rasen und in ihrem natürlichen Tempo vergeht. Als ich aufstehe und verschlafen ins Wohnzimmer hinübergehe, ist dort die strenge, ältere Putzfrau am Werk, die Marco nur “Frau Brückner” nennt und wirft mir einen strafenden Blick zu. Heutzutage, wird sie später sagen, als Jara und ich sie in ein kleines Gespräch verwickeln, sind die Frauen faul und zu nichts mehr nutze.
Draußen ist es kühl und bewölkt und es gibt gar nichts zu sehen außer einer schnurgeraden Straße zwischen Wohnblöcken ohne jede Eigenschaft. Wir trinken Kaffee. Marco raucht wie ein Schlot. Jara und er lesen Leonardo DaVinci, während ich mir ein Zitat aus den “Unsichtbaren Städten” von Italo Calvino abschreibe.
Die Rückkehr der langen Tage
Später fahre ich mit Jara an den Strand und wir legen uns in den feuchten Sand, während erste, zögerliche Regentropfen auf uns hinunterfallen. “Umso älter man wird”, sagt Jara, “umso schneller vergeht die Zeit.”
Ich stimme ihr zu. Aber schon während ich spreche, kommen mir Zweifel. Ist das überhaupt noch wahr für mich? Gibt es in letzter Zeit nicht wieder Tage, die so lang sind wie als Kind?
Und ein paar Tage später werde ich ein letztes Aperol Spritz an der Strandpromenade trinken. Ich werde in den Bus nach Deutschland steigen. Ich werde noch eine Woche nach meiner Rückkehr jede Nacht auf Italienisch träumen. Vielleicht, weil das die Sprache ist, in der ich das Gefühl, leben zu wollen, ausdrücken kann, ohne es zu rechtfertigen.
Ich habe auf einmal einen Frieden damit gespürt, dass es Teile von mir gibt, die im Schatten liegen. Etwas wie das innere Versprechen, die Dinge, die ich nicht gut machen kann, wenigstens so richtig und aus vollem Herzen schlecht zu machen. Meine eigene Boshaftigkeit nicht mehr hinter Kitsch und falscher Moral zu verstecken.
Anzuerkennen, dass ich nicht immer gut sein kann und dass ich oft nicht mal wirklich weiß, was gut sein bedeutet. Weil ich egoistisch bin und hundert andere Dinge, die ich nicht sein soll, weil ich das Leben nicht immer verstehe und weil ich manchmal die Folgen meiner Handlung nicht voraussehen kann oder will, zumindest dann nicht, wenn ich mich nicht permanent auf ein kontrollierbares Maß herunterdimme.
Ich werde wieder in Deutschland sein. Und auch, wenn ich dann, in Wirklichkeit, noch weit davon entfernt sein werde, diese Haltung tatsächlich zu verkörpern: Eines Tages werde ich so schön sein wie ein Berg, so anziehend wie der Mond, so wild wie das schwarze Meer am nächtlichen Ufer von Ercolano.


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