Wie wir uns in spirituellen Bubbles vor unserem Weltschmerz verstecken – und warum Himbeermarmelade allein noch keine Lösung ist 

Vor Kurzem hatte ich eine Veranstaltung im Hofgut Leo in Gresgen. Ich habe das Romanprojekt vorgestellt, an dem ich im Moment arbeite: Ein Roman, der in den Neunziger Jahren in Albanien spielt. Im Rahmen dieser Lesung habe ich die anwesenden Menschen mitgenommen in meine Recherche dazu im April in Albanien. Es ging um Fragen wie: Wie nehmen wir als Individuen geschichtliche Entwicklungen wahr? Wie haben wir Teil an dem, was auf der Welt geschieht? Und wie gehen wir um mit der Enttäuschung, dass so viele schlimme Dinge geschehen in der Welt und dass die Welt, wie wir sie uns wünschen und die Welt, wie sie ist, oft so sehr auseinanderklaffen? 

Das Publikum an diesem Abend stammte zum größten Teil aus der spirituellen Szene rund um Basel. In der anschließenden Diskussion erzählte ein Mann, wie er als junger Mann so viel protestiert und jetzt seinen Frieden damit gefunden habe, einfach Himbeermarmelade zu kochen. Eine andere Zuhörerin hatte als Kind jeden Abend für das Ende des Krieges in Israel und Palästina gebetet. Mittlerweile, sagte sie, habe sie erkannt, dass sich sowieso nichts ändert und es reicht für die Welt, wenn sie einfach glücklich ist.  

Leben jenseits des Schmerzes

Das alles sind Dinge, die ich oft höre in der spirituellen Szene. Spirituelle Menschen verabschieden sich irgendwann von dem Aufgeriebensein an den gesellschaftlichen Realitäten. Sie finden ihren Frieden und ihr persönliches Glück darin, nur noch von Menschen umgeben zu sein, die so sind wie sie: Die ein aktives spirituelles Bewusstsein haben, die auf Verbindung fokussieren und mit denen sie sich ohne Verständigungsschwierigkeiten austauschen können.

Mit anderen Menschen können sie oft nichts mehr anfangen. Und das Theater der Politik und der Geschichte, finden sie, gehe sie nichts an. Diese Menschen sind verstärkt während Corona in ihre spirituell-alternativen Bubbles abgetaucht. Sie schienen an dem Schmerz, der Panik und der Verunsicherung des Mainstreams nicht oder fast nicht teilzuhaben. Sie sind ziemlich unempfänglich gegen die gesellschaftlichen Grabenkämpfe, einfach, weil es ihnen recht gut gelingt, in einer parallelen Welt zu leben, in der diese Kämpfe nicht stattzufinden scheinen. 

Der Rückzug ins Marmelade kochen ist ein wirksames Mittel gegen die Art, wie bei uns Menschen medial gegeneinander aufgehetzt werden. Aber was, wenn es sich dabei in Wirklichkeit nicht um eine Lösung handeln würde – sondern vor allem um eine neue Schmerzvermeidungsstrategie? 

Das Wissen von einer besseren Zukunft

Sich auf einen spirituellen Weg zu begeben, hat einen ziemlich starken Nebeneffekt: Wir fangen recht schnell an, uns eine Zukunft vorstellen zu können, die anders ist als die gesellschaftlich propagierte Schreckensvision. Während der größte Teil der Welt vor allem Angst vor der Zukunft hat, herrscht in spirituellen Kreisen Hoffnung. Es werden laufend Werkzeuge, Lebensformen und Methoden entwickelt, die eine andere, liebevollere, nachhaltigere, achtsamere Form des Zusammenlebens denkbar machen. Und innerhalb der spirituell-alternativen Kreise werden all diese Dinge auch erprobt und gelebt.

Wer also auf einem spirituellen Weg aktiv ist und sich innerhalb des entsprechenden Feldes bewegt, hat eine Erfahrung von der Möglichkeit des “schönen Lebens”, an die sich der Rest der Gesellschaft kaum noch herantraut.

Dieses Wissen ist aber nicht nur ein Geschenk. Es ist auch eine Bürde. Es bedeutet nämlich: Die Diskrepanz zwischen dem, was ist und dem, was möglich wäre, tief und existenziell zu spüren. Ganz konkret heißt es, Schmerz zu fühlen über die Taubheit und Grausamkeit der Welt.  

Wie ich in meiner Schulklasse zur Hexe wurde

Diese Erfahrung macht jeder Mensch, der sich auf spirituelle Entwicklung einlässt. Anders als die Generation vor mir wurde ich schon sehr früh damit konfrontiert – einfach, weil ich mich durch meine Eltern schon als Kind in spirituellen Umfeldern bewegt habe. Seit ich elf Jahre alt war, fuhr meine Familie jedes Jahr auf ein schamanisch orientiertes Sommercamp im Schwarzwald, in dem Übergangsriten durchgeführt wurden. Es war eine Realität, die in ihren Werten und ihrem Weltverständnis ziemlich konträr war zu dem, was ich in meinem Alltag in der Schule erlebte. Jedes Jahr kam ich euphorisch und beseelt aus den Sommerferien zurück. Und jedes Jahr war ich danach wochenlang mit Schmerz, Wut und Trauer beschäftigt. In der Welt, in die ich zurückkam, hatte ich nicht einmal eine Sprache, um mit anderen über meine Erfahrungen zu sprechen. Das Level an Klarheit und Verbindung, was ich in diesen Sommercamps erfahren hatte, konnte ich im Schulalltag nicht aufrechterhalten. 

Nach ein paar dieser Sommer merkte ich dann, dass ich mich trotz allem jedes Jahr veränderte. Es gelang mir, meine Erfahrungen Stück für Stück in mein Leben zu integrieren. Nur eben langsam. Es war Arbeit, das zu tun. Und als ich das sehen konnte, verlor ich einen großen Teil meines Widerstandes dagegen.

Um mich herum machten meine Freundinnen ihre ersten Erfahrungen mit Liebe und Sexualität; obwohl diese Dinge bei mir nach wie vor hauptsächlich in meiner Fantasie stattfanden, wurde ich mit dem, was ich im Sommer lernte, zu einer gefragten Ratgeberin. Die Jungs hielten vorsichtigen Abstand und nannten mich eine Hexe; ich machte mir diese Rolle zu eigen und entdeckte die Freiheiten, die sie enthielt. Die verschiedenen Felder, in denen ich mich bewegte, zu verknüpfen, irgendwie die Trennung dazwischen aufzuheben, wurde zu einem starken Fokus in meinem Leben.

Von dem Drang, Brücken zu bauen

Seit dieser Zeit hatte ich immer einen sehr praktischen Zugang zu Spiritualität. Mein Verständnis davon lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den ich mal irgendwo gehört habe:

Wie erleuchtet du wirklich bist, das merkst du beim nächsten Familienbesuch.

Ich hatte einen sehr starken Drang danach, alles, was ich auf meinem spirituellen Weg lerne, irgendwie in die Welt außerhalb zu integrieren. Und ich war extrem irritiert von Menschen, die diesen Fokus nicht auf die gleiche Weise hatten wie ich.

Ich konnte und wollte die Verbindungslosigkeit vom “Rest der Welt” nicht akzeptieren. Dieser Drang in mir war so stark, dass ich, als Corona begann und mein Weltschmerz innerhalb von Deutschland unerträglich groß wurde, vorübergehend nach Albanien ausgewandert bin, wo es keine Corona-Regeln gab und das Leben weiterging wie vorher. Smalltalks im Supermarkt und Küsse auf die Wange von Fremden waren mir wichtiger als der Zugang zum spirituellen Feld. Eine Lösung war das natürlich auch nicht. Denn ich verwickelte mich auf diese Weise tief in Schmerz- und Traumamustern, die ich mit dem entsprechenden Spiegel von außen wahrscheinlich sehr viel schneller aufgelöst hätte. 

Anfang des letzten Jahres bin ich zurückgekehrt nach Deutschland. Und damit auch zu dem enormen spirituellen und visionären Potenzial, das dieses Land in sich trägt. Erst jetzt fängt es an, dass mir das Schaffen dieser Verbindung zwischen den Welten wirklich gelingt. Ich arbeite auf Messen und mache Promo auf der Straße – und hebe die Frequenz der Orte, an denen ich bin, mit Meditationen an, wenn mir das Umfeld zu anstrengend wird. Und ich mache – wie im Leo – Veranstaltungen, bei denen ich den künstlerischen Zugang nutze, um spirituelle Menschen wieder anzubinden an ihr geschichtliches Bewusstsein. 

Spirituelle Bubble oder spirituelles Feld?

Der Rückzug aus dem “unbewussten” Rest der Welt ist ein wichtiger Schritt, um uns aus unserem Verfangensein in den destruktiven Gedankenmustern anderer Felder zu lösen. Uns an einem gewissen Punkt überhaupt Bedingungen zu schaffen, in denen wir es aushalten zu fühlen. Aber er ist keine endgültige Lösung.

Dass wir nicht wirklich abgetrennt sind vom Rest der Welt und der Menschen ist eine Kernerkenntnis jeder spirituellen Schule. Aber fühlen wir das auch? Können wir das Verbundensein auch dort aufrechterhalten, wo wir nicht verstanden werden? 

Ich wünsche mir eine Spiritualität, die sich ganz bewusst mit dem Schmerz der Diskrepanz konfrontiert und ihn als ihr Lernfeld begreift. Eine Spiritualität, die sich die Frage stellt: Kreieren wir eine spirituelle Bubble oder ein spirituelles Feld? Ist es unser Ziel, schöne Oasen in einer hässlichen Welt zu schaffen, nach außen hin abgeschlossene Orte, in denen wir halt einigermaßen friedlich leben können, ohne zu sehr an der Welt zu leiden? Oder kreieren wir ein Feld mit fließenden Grenzen und einem permanenten Verbindungsangebot an andere Felder? Sind wir jetzt bereit, den tiefsitzenden Schmerz über die gescheiterte Utopie zu transformieren und zu heilen? Können wir präsent bleiben, auch dort, wo wir uns hilflos fühlen? 

Zwischen Schwitzhütten und verrauchten Kneipen

Eine solche Spiritualität, die sich eben nicht selbst genügt, die eben kein Selbstzweck ist, wäre eine bewusste Annahme von Verantwortung in der Welt und den Feldern, die wir allein schon durch unseren Konsum und durch die Tatsache, dass wir Steuern zahlen, sowieso permanent nähren. Sie ist aber auch ein hilfreicher Entwicklungsschritt für die spirituelle Gemeinschaft an sich. In dem Moment, in dem ich voll und ganz bereit bin, in Verbindung zu gehen mit anderen Feldern (und sogar mit anderen Bubbles) kann ich mich nicht mehr auf den bequemen Gedanken zurückziehen, die anderen hätten es einfach bloß noch nicht kapiert.

Ich muss bereit sein zu lernen – und zwar immer, überall und von jedem. Ich muss bereit sein, eine fühlende Verbindung zu haben zu anderen Arten des Sprechens, Lebens und Wahrnehmens.  

Ich lerne so viel in Schwitzhütten, auf Seminaren und in spirituellen Gemeinschaften. Aber wenn ich gleichzeitig in der Lage bin, eine ganze Nacht lang mit Mafiosi und Prostituierten in einer verrauchten Kneipe zu hocken und Spaß dabei zu haben, dann werde ich dabei möglicherweise Lektionen über das Leben bekommen, nach denen ich bei einem Retreat lange suchen kann. Umso vielfältiger meine Möglichkeiten der Verbindung, umso mehr Wege des Lernens stehen mir offen. Gerade die Schatten und Traumata der spirituellen Szene selbst lassen sich möglicherweise nur bedingt heilen, wenn meine einzige Referenz genau die Bubble und das Gedankenmodell ist, das diese Schatten hervorgebracht hat. 

Mitten hineinleben in die Welt!

Alles, was innerhalb einer Bubble passiert, hat auch nur Auswirkungen auf diese Bubble – weil die Verbindung nach außen nicht gepflegt und nicht beabsichtigt wird. Innerhalb einer spirituellen Bubble können wir fortgeschrittene Heilmethoden und ambitionierte Zukunftsvisionen entwickeln und erproben. Was wir dabei schaffen, ist erst einmal eine Oase. Und Oasen sind ungeheuer wichtig in der Welt, in der wir leben und werden auch weiterhin gebraucht werden. Aber wenn wir es ernst meinen mit der Zukunft, dann reicht es langfristig nicht, an der Welt vorbeizuleben. Sondern dann müssen wir mitten hinein in all das, was uns Angst macht und was wir nicht verstehen. Wir müssen die Energie in uns freimachen, die darin gebunden ist, diese Dinge nicht sehen zu wollen. 

Wenn wir den Schmerz über die Welt integrieren und heilen, verstärkt und klärt sich unsere Wirkung in der Welt. Und angesichts des riesigen Potenzials der Menschen, die sich teilweise seit vielen Jahrzehnten mit der Bewusstseinsentwicklung beschäftigen, finde ich das eine verdammt schöne Vorstellung.  

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