In der Beschäftigung mit kollektivem Trauma wird eines deutlich: Traumata beeinflussen unser Verhalten viel tiefgreifender als viele Menschen glauben. Es ist wichtig zu verstehen, dass unsere Traumata sich nicht nur in der Art äußern, wie wir bestimmte Erlebnisse interpretieren oder auf Aktionen von anderen reagieren. Gerade kollektive Traumata äußern sich oft dort, wo etwas alternativlos erscheint. Wenn ich mich in einem traumatisierten Kollektiv befinde, in dem alle das Gleiche erleben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich gar nicht bemerke, dass es auch andere Möglichkeiten geben könnte. Die Beschäftigung mit kollektivem Trauma ist deshalb so interessant, weil sie an die Wurzeln von dem geht, was in unserer Welt normalisiert worden ist.
Eine dieser normalisierten Strukturen möchte ich mir in dieser dreiteiligen Artikelreihe genauer anschauen: Unser Empfinden von Zeit. Kann es sein, dass Trauma unser (kollektives) Zeitempfinden beeinflusst?
Zum ersten Mal ist mir dieser Gedanke vor einem halben Jahr begegnet. Thomas Hübl schreibt in seinem Buch „Kollektives Trauma heilen“, dass Trauma uns „aus der Synchronizität mit der Zeit herausnimmt“. Ein Gedanke, der mich sofort fasziniert hat. Und seitdem ich darüber nachdenke, finde ich immer mehr Indizien dafür, dass es tatsächlich so ist. Traumastrukturen verfälschen unser Erleben von Zeit und sie erzeugen auf verschiedene Weisen den Eindruck, dass die Zeit gegen uns arbeitet.
Die fixierte Vergangenheit
Vielleicht ist es ein Zufall, dass die Worte “Traum” und “Trauma” sprachlich so nah beieinander liegen. Das Wort “Trauma” kommt nämlich aus dem Altgriechischen (“trauma”, Wunde oder Verletzung), während das Wort “Traum” wahrscheinlich aus dem indogermanischen Begriff “draugma” (Trugbild) entstanden ist. Und doch merke ich im Laufe meiner Recherchen immer wieder, dass ich überall da, wo ich nach den Traumata von Menschen frage, früher oder später auf ihre Träume stoße. Besonders eindrücklich war das dieses Frühjahr in Albanien, wo ich mit vielen Menschen Interviews zu ihrer kommunistischen Vergangenheit und der Zeit kurz danach geführt habe. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, erzählten mir konkrete Ereignisse aus dieser Zeit und aus ihren eigenen Leben. Aber einordnen konnten sie diese Erinnerungen immer nur, indem sie Bezug nahmen auf ihre (geplatzten) Träume. Es gab den Schmerz über die konkrete Tatsache, dass nach dem Kommunismus an der albanischen Küste illegal ins Naturschutzgebiet gebaut und dass archäologische Denkmäler rücksichtslos dem Erdboden gleichgemacht wurden. Aber richtig fühlbar und erklärbar wurde dieser Schmerz erst in Beziehung zu der Vorstellung, was stattdessen war oder hätte sein können.
“Traum” und “Trauma” erschien dann immer als ein Gegensatz: der Traum als das, was hätte sein sollen – und Trauma als der Schmerz darüber, dass es nicht so geworden ist. Trauma ist damit auch die erlebte Differenz zum Idealzustand des Traumes.
Das Interessante dabei ist: Unsere Beziehung zum Traum sagt nicht nur sehr viel aus über unsere Beziehung zum Trauma. Sie ist auch eine völlig andere, je nachdem, wo in der Zeit wir den Traum verorten.
Nostalgie: Die Sehnsucht nach dem gescheiterten Traum
Bleiben wir also erst einmal bei dem Beispiel der albanischen Küste rund um Saranda, über das ich in einem früheren Artikel auch schon ausführlicher geschrieben habe. In den Beschreibungen der Menschen dort gab es ein wiederholtes Traumbild ihrer Stadt, wie sie – ihren Angaben nach – früher gewesen war.
Sie beschrieben mir eine Stadt, die gebaut war wie ein Amphitheater, sodass jedes Haus einen Blick aufs Meer hatte, wo überall duftende Blumen wuchsen und die Menschen einander vertrauen konnten. Dieses Traumbild lag für sie in der Vergangenheit.

Die Stadt, die sie mir beschrieben, war unwiederbringlich verloren und niemand äußerte die Absicht, die illegal gebauten Wohnblöcke einzureißen und neue Blumen zu pflanzen. Die Stadt Saranda, wie sie in den Erinnerungen der Menschen gewesen war, lag in einer abgeschlossenen, unzugänglichen Vergangenheit.
Und vielleicht lagen in dieser abgeschlossenen Vergangenheit auch noch andere, weniger schöne Dinge. Aber die Menschen dort betrachteten sie lieber mit etwas Abstand, sodass das Bild konstant bleiben konnte. Das verlorene Paradies und die Trauer darüber bilden so einen stabilen Teil ihrer Identität inmitten eines Landes, das sich alles andere als verlässlich und stabil anfühlt.
Vielleicht ist das der Sinn von Nostalgie: Eine unberührbare Vergangenheit, die nicht aufgearbeitet, sondern bloß in ein Narrativ gefasst wird, bleibt stabil. Sie vermittelt Stabilität dort, wo Gegenwart und Zukunft instabil und bedrohlich erscheinen.
Die Furcht vor der Wiederkehr des Albtraums
Natürlich kennen wir auch in Deutschland die Verklärung der Vergangenheit. Mir fällt da zum Beispiel die DDR-Nostalgie ein, die den Ostdeutschen nachgesagt wird. Und ich dachte früher auch oft, ich wäre gerne eher geboren worden, um in den Achtzigern jung zu sein. Aber es gibt noch eine zweite Form von unzugänglicher Vergangenheit: Der Albtraum, vor dessen Wiederkehr wir uns fürchten.
Für uns in Deutschland ist das eine sehr präsente Form der Vergangenheitsbetrachtung, die sich auf das Dritte Reich konzentriert. Unsere kollektive Auffassung von dieser Zeit als absolutem Albtraum ist dermaßen stabil, dass jeder Mensch, der dieser Zeit auch nur einen kleinen positiven Aspekt zuschreiben würde, sofort als Bedrohung erscheint. Schon die Veränderung des Narrativs selbst macht einen Menschen in unserer Wahrnehmung zum potenziellen Täter.
Auch wenn Nostalgie und Furcht vor der Vergangenheit emotional betrachtet Gegensätze sind, haben sie eine entscheidende Gemeinsamkeit: Sie fixieren die Vergangenheit in einem stabilen Narrativ, das angesichts einer instabil erscheinenden Gegenwart und Zukunft Sicherheit vermittelt. Unsere Furcht vor der Vergangenheit gaukelt uns die Illusion vor, wir müssten nur jedes Element, das diesem Albtraum ähnelt, entschieden bekämpfen, um nie wieder so ein Grauen zu erleben.
Traumaarbeit: Die Vergangenheit wieder fühlbar machen
Genau hier setzt die Aufarbeitung von Trauma an. Sie bedeutet letztendlich nichts anderes, als fühlend in der Zeit zurückzureisen, um unsere Vergangenheit in all ihren widersprüchlichen Facetten wieder zugänglich zu machen.
Wenn wir damit beginnen, unsere kollektiven und persönlichen Traumata zu integrieren, dann gehen wir über die Fixierung der Vergangenheit in einem bestimmten Narrativ heraus. Wir machen sie wieder zu einem lebendigen, veränderlichen Teil von uns. Wir nehmen wahr, wo das, was geschehen ist und das, was wir uns darüber erzählen, unsere Gegenwart mitgestaltet.

Wir gehen in eine Haltung des Lernens statt des Fixierens und es liegt in der Natur dieses Prozesses, dass darin kein Narrativ stabil und unhinterfragbar bleibt.
Und nur so schaffen wir die Voraussetzung, unsere Hilflosigkeit zu überwinden und zu aktiven Gestaltern unserer kollektiven Gegenwart zu werden. Das ist die Alternative, die wir nicht sehen und fühlen können, wenn unsere Zeitwahrnehmung durch Traumastrukturen blockiert wird.
Das ist also die Wirkung unserer kollektiven Traumata auf unser Erleben von Vergangenheit: Das Bedürfnis, sie in einem unberührbaren, stabilen Narrativ quasi abzuschließen. Sobald wir aber damit beginnen, alte Wunden zu heilen, wird die Vergangenheit buchstäblich zu etwas Fließendem, Beweglichen. Und das betrifft meiner Erfahrung nach nicht nur ein mentales Konzept, sondern wirklich die direkte Erfahrung der Zeit, die (linear wahrgenommen) hinter uns liegt.
In der Gegenwart dagegen scheint die Zeit alles andere als unbeweglich. Sie läuft uns sogar davon. Woran das eigentlich liegt, darum geht es im zweiten Teil dieser Artikelreihe.
Dich inspiriert dieser Artikel?


Hinterlasse einen Kommentar