Wenn wir unser Zeitempfinden der Gegenwart betrachten, dann gibt es in unserer Zeit einen besonders weit verbreiteten Eindruck: Die Zeit läuft uns davon. Es scheint immer und für alles zu wenig Zeit zu sein. Die Zeit vergeht zu schnell und egal, wie sehr wir uns bemühen, wir können sie nicht einholen. Ständig ist es für alles schon zu spät. Aber woher kommt dieses Empfinden eigentlich?
Die davonlaufende Zeit
Zuerst einmal ist hier wieder Thomas Hübl interessant mit seiner Beschreibung, dass Trauma uns aus der Synchronizität mit der Zeit herausnimmt. Das liegt vor allem daran, dass Trauma es uns erschwert, im Hier und Jetzt präsent zu bleiben. Die erste und grundlegende Traumareaktion ist die, nicht fühlen zu wollen. Und weil Trauma in unserer modernen Welt überall und in jedem einzelnen von uns präsent ist, sind wir in der Regel permanent damit beschäftigt, irgendein bedrohliches Gefühl von uns wegzuschieben.
Fühlen an sich findet aber immer im gegenwärtigen Moment statt. Und wenn wir nicht bereit sind, zu fühlen, dann schneiden wir uns auch von der Fähigkeit ab, die Gegenwart wahrzunehmen, in dem Moment, in dem sie tatsächlich stattfindet.
Ereignisse und sogar die damit verbundenen Gefühle werden dann immer erst im Rückblick sichtbar oder in der Vorstellung von einem in der Zukunft liegenden Ereignis. Ist es dann noch erstaunlich, dass die Zeit zu rasen scheint und alles schon wieder vorbei ist, kaum, dass es begonnen hat? Und plötzlich sind wir zehn Jahre älter und fragen uns schockiert, was wir die ganze Zeit eigentlich gemacht haben.
Wir alle kennen ja zumindest den gegensätzlichen Zustand. Zum Beispiel scheint es, als wären in der Kindheit – als wir der Welt noch weicher und verletzlicher begegnet sind – die Tage tatsächlich länger gewesen. Oder vielleicht erleben wir eine Verlangsamung der Zeit an einem gemütlichen Sonntagvormittag, an dem es absolut nichts zu tun oder zu bedenken gibt. Oder in einem Zustand von Flow, zum Beispiel beim Tanzen oder in einem Schaffensprozess.

Das sind Momente, in denen die Zeit zu rasen aufhört, weil wir ganz im Hier und Jetzt präsent sind. Das Gefühl, dass die Zeit gegen uns arbeitet und uns davonläuft, ist also kein natürlicher Zustand. Es ist ein Ergebnis der Art, wie wir unser Leben gestalten. Und umso mehr wir unsere Traumata aufarbeiten und integrieren, umso größer wird unsere Chance, wieder in Synchronizität mit der Zeit zu kommen.
Lineare, progressive Zeit als kapitalistisches Versprechen
Kollektiv gesehen ist gerade der Kapitalismus auch verbunden mit der (enttäuschten) Hoffnung auf eine linear und progressiv vergehende Zeit. Auf diese Idee bin ich ebenfalls während der Recherchen für meinen Roman über den System Change in Albanien in den Neunziger Jahren gestoßen. Die albanisch-amerikanische Anthropologin Smoki Musaraj beschreibt den Übergang zwischen Kommunismus und Kapitalismus in Albanien und das damit verbundene subjektive Zeitempfinden nämlich auf folgende Weise:
„Die kommunistische Zeit (…) wurde zunehmend als spastisch, arhythmisch und unvorhersehbar erlebt (…). Für die Menschen vor Ort repräsentierte die kapitalistische Zeit dagegen eine moderne, lineare, progressive Zeit. (…) Die postsozialistischen Transformationen auf der anderen Seite (…) wurden von den Menschen zunehmend als eine Zeit der Unvorhersehbarkeit erlebt, als eine Zeit vielfältiger, aber unverbundener Ereignisse, die keinem vorhersehbaren Zyklus folgten (…).“
Der Kapitalismus mit seinem Fortschrittsversprechen suggeriert also auch eine bestimmte Art des Zeitempfindens: Eine Gegenwart, die sich gleichmäßig und vorhersehbar auf eine goldene Zukunft zubewegt. Was von den Menschen in Albanien tatsächlich erlebt wurde, bezeichnet Musaraj mit dem Begriff punctuated present (punktierte Gegenwart).
Es ist offensichtlich, dass diese Diagnose nicht nur auf Albanien anwendbar ist, sondern zumindest auf den großen Teil der modernen Welt. Auch in Deutschland erleben wir ja eine zunehmend instabile Gegenwart, in der wir immer mehr Leistung erbringen und immer flexibler werden müssen, um uns an die Herausforderungen des kapitalistischen Systems anzupassen. Und das in einer Welt, die schon an sich unzuverlässig erscheint und in der die nächste Pandemie, der nächste Krieg, die nächste Finanzkrise jeden Moment alles ins Wanken bringen könnte. Meiner Beobachtung nach ist unsere Unsicherheit gegenüber der Zukunft längst nicht mehr kleiner als die der Menschen in Albanien.
Die Zeit verlangsamen lernen
Es ist also hilfreich, zu erkennen, dass unser Zeitempfinden nichts rein Persönliches ist. Die davonlaufende Zeit ist ein kollektives Erleben, das von dem gesellschaftlichen System, in dem wir uns befinden, zusätzlich befördert wird. Und trotzdem ist die Zeit in einem gewissen Rahmen persönlich veränderbar. Eben weil unser Zeitempfinden subjektiv ist und es möglich ist, dass zwei Menschen nebeneinander das exakt Gleiche tun, während der eine denselben Zeitraum als doppelt so lang erlebt wie der andere. Auch das Messen von Zeit in Stunden und Minuten ist ja eine menschliche Konstruktion. Sie gaukelt uns Absolutheit vor, während Zeit relativ ist.
Wenn ich das kollektive Zeitempfinden im Moment mit einer Metapher erklären müsste, dann wäre es folgende: Wir haben die ganze Zeit das Gefühl, wir rennen zu einem Bahnhof, um einen Zug kurz vor der Abfahrt zu erwischen. In Gedanken sehen wir uns bereits am Bahnsteig; wir sind zu spät; wir denken, wir sollten längst dort sein. Mit anderen Worten: Wir fühlen uns zur falschen Zeit am falschen Ort. Das ist es, was Asynchronizität mit der Zeit bedeutet.

In den vergangenen Monaten habe ich allerdings eine interessante Erfahrung gemacht. Weil ich so viel unterwegs bin, komme ich tatsächlich regelmäßig in die Situation, zu einem Zug rennen zu müssen. Seit ich mich mit dem Thema Zeit beschäftige, wiederhole ich beim Rennen für mich immer den Satz: Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich hole mich in die Gegenwart zurück, während ich renne: Mein Atem, meine Füße, die auf den Asphalt trommeln, die Schwere des Rucksacks. Nicht nur, dass mein Stresslevel sofort niedriger wird und ich tatsächlich in der Lage bin, mich zu entspannen, während ich mich beeile. Ich komme auch regelmäßig rechtzeitig an Bahnsteigen an und wundere mich beim Blick auf die Uhr, wie ich das in so kurzer Zeit geschafft habe.
Wenn ich übe, im Hier und Jetzt präsent zu sein, dann erreiche ich eine höhere Synchronizität mit der Zeit. Und das bedeutet letztendlich nichts anderes als das Empfinden, dass die Zeit für mich arbeitet.
Die davonrennende Zeit ist ein Empfinden, das von unseren kollektiven Narrativen (zum Beispiel die Art, wie wir über den Klimawandel sprechen) sehr unterstützt wird. Zu glauben, dass die Zeit davonrennt, ist aber auch eine Weigerung, ganz zu fühlen, was dort erlebbar ist, wo ich mich jetzt gerade befinde. Ich fokussiere dann auf die Vorstellung, wo ich sein sollte, anstatt wahrzunehmen, wo ich tatsächlich bin.
Mangelnde Fähigkeit zur Präsenz führt also dazu, dass die Zeit scheinbar schneller vergeht. Während wir die Vergangenheit in ein stabiles, unberührbares Narrativ einschließen, rennt uns im Hier und Jetzt die Zeit davon. Sie rast unaufhaltsam auf eine Zukunft zu, die unsicher und vorherbestimmt zugleich erscheint. Und auch das beschränkt unsere Handlungsfähigkeit. Wie genau das funktioniert, beschreibe ich im nächsten Artikel.
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Quellen:
Thomas Hübl: Kollektives Trauma heilen. Heyne-Verlag 2023
Smoki Musaraj: Tales from Albarado. Ponzi Logics of Accumulation in Postsocialist Albania. Cornell University Press 2020


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