Wie Trauma unser Zeitempfinden verändert: Die abgesagte Zukunft (Teil 3)

Die Zukunft ist eine Katastrophe, auf die wir unaufhaltsam zusteuern. So lautet die vielleicht populärste Zukunftserzählung unserer Zeit. Erst Ende August saß ich im Publikum bei einer Literaturveranstaltung, die bezeichnenderweise folgenden Titel trug: “Das Rettende in der Gefahr – eine neue ethische Haltung für die Reparatur der Welt”. Auf der Bühne die drei Philosophen Guillaume Paoli, Matthias Bormuth und Hanno Sauer, beschäftigt damit, einen Umgang mit der Katastrophe zu formulieren. Denn, so Paoli sinngemäß, die Katastrophe sei nicht etwas, auf das wir zusteuern; wir lebten schon mittendrin und also ginge es nicht darum, die Katastrophe zu verhindern, sondern darum, sie zu verringern.

Ist Schönheit besiegbar?

So sitze ich im Publikum. Im Gras vor der Bühne beim Bad Oeynhausener Literaturfestival “Poetische Quellen”, und höre zu. Es ist Sonntagvormittag, die Bänke am Hang sind besetzt mit den üblichen gebildeten Rentnern. Es gibt Zwischenapplaus. Und ich fühle mich so grundlos und erschütternd hoffnungsvoll. Es gibt eine theoretische Ebene, auf der kann ich nicht abstreiten, dass die Zukunft eine Katastrophe sein könnte: Die Katastrophe, deren Eintreffen ich schon erwarte, seit ich ein Kind bin und für die es überall Beweise zu geben scheint. Und es gibt eine andere Ebene, auf der kann ich nicht daran glauben. Und zwar ganz einfach deshalb, weil die Sonne scheint und ich ein rotes Kleid trage: Ich bin in der Tiefe unfähig, daran zu glauben, dass all die Schönheit um mich herum wirklich besiegbar sein könnte.

Kapitalistischer Realismus und Alternativlosigkeit

An dieser Stelle möchte ich fragen: Woher kommt die Idee einer Zukunft als Katastrophe überhaupt? Warum glauben wir kollektiv so fest daran? Wäre es zum Beispiel nicht auch denkbar zu sagen: All die Grausamkeit, die wir im Moment sehen, ist ein im Grunde aussichtsloser Kampf gegen das Gute und Progressive in der Welt?

Vor über einem Monat habe ich eine Folge des Philosophize This!-Podcasts von Stephen West gehört, die ich auch schon in einer Podcast-Folge zusammen mit meinem Partner Mark Oswald zitiert habe. Gestützt auf die Arbeit von Mark Fisher stellt er darin die Behauptung auf, dass die komplette Gegenwartskultur nur eine nostalgische Wiederholung vergangener kultureller Strömungen sei. So seien etwa unsere Ideen von der Zukunft immer noch die gleichen wie vor dreißig, vierzig Jahren. Die moderne Gesellschaft stecke in einem scheinbar alternativlosen “kapitalistischen Realismus” fest, der keine wirkliche Bewegung nach vorne mehr erlaube, weil das bestehende System nicht hinterfragt werden dürfe.

“(…) unsere Sicht auf die Zukunft unterscheidet sich grundlegend von der voriger Generationen. Noch einmal, die Zukunft ist abgesagt worden. Für Mark Fisher ist die Zukunft im Grunde ein ästhetischer Stil geworden, den wir den Dingen im Nachhinein anheften, der nichts mit der Zukunft in irgendeinem revolutionären Sinn zu tun hat oder überhaupt in der Zeit verortet ist.”

Zukunftsvorstellungen als staatstragendes Narrativ

In diesen Zusammenhang eingeordnet ist die Idee einer katastrophalen Zukunft ein unvermeidliches Ergebnis des kapitalistischen Systems, in dem wir leben.

Wenn ich von einer systemischen Perspektive darauf schaue, dann denke ich: Die Vorstellung von der Zukunft ist ein zentrales Element in der Geschichte, mit der ein System die darin lebenden Menschen für das System mobilisiert.

Es gibt auch eine Möglichkeit der Mobilisierung durch eine positive Zukunftsvorstellung, also das Versprechen auf eine goldene Zukunft.  Der Kommunismus hatte solche Zukunftsversprechen. Und auch der Kapitalismus und die Demokratie haben das in ihrem Ursprung: Wohlstand und Freiheit für alle.

Was passiert aber, wenn dieses Zukunftsversprechen durch ein System scheitert? Wenn es immer zweifelhafter wird, ob es überhaupt einlösbar ist? Das Versprechen auf eine bessere Zukunft ist der Motor für alle gesellschaftlichen Ideen, die jemals existiert haben. Und trotzdem stehen wir dem in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, zweifelnd gegenüber.

Als ich in die Schule kam, wurde schon längst nicht mehr behauptet, unser System sei die Antwort auf unsere Probleme. Das wirkliche, zentrale Argument war: Die Demokratie ist das bestmögliche unter allen schlechten Systemen. Oder auch: Wählt die etablierten Parteien, damit die AfD nicht an die Macht kommt.

Wenn die Zukunft scheitert

Historisch ist es so, dass jedes staatliche System, das jemals existiert hat, zumindest zu großen Teilen an seinem eigenen Zukunftsversprechen gescheitert ist. Wenn das sichtbar wird, ist das einzige wirkungsvolle Narrativ, das einem Staat bleibt, dieses: Wenn unsere Situation auch nicht gut ist, besser kann sie jedenfalls nicht werden. Wenn ich mir vorstelle, dass ich in einer Katastrophe lebe, die ich nur noch abmildern, aber nicht mehr verhindern kann, wäre es absoluter Leichtsinn, das bestehende System grundsätzlich zu hinterfragen. Dafür bleibt schlicht und ergreifend keine Zeit.

Ob wir in einer andauernden Katastrophe leben oder nicht, darüber kann gestritten werden. Was dagegen sicher ist, ist folgendes: Dieses Narrativ unterstützt den Machterhalt des Systems, in dem wir leben.

Erlernte Hilflosigkeit

Genau hier lehnt sich die Geschichte von der katastrophalen Zukunft wieder an unsere kollektiven Traumastrukturen. Historisch gesehen trägt wahrscheinlich jedes Kollektiv auf dieser Welt in sich die unverarbeitete Erinnerung an scheiternde Träume und enttäuschte Hoffnungen. Was daraus resultieren kann, ist die sogenannte “erlernte Hilflosigkeit”: Eine mangelnde Selbstwirksamkeitserwartung angesichts wiederholter und schmerzhafter Erfahrungen von Hilflosigkeit.

Diese gefühlte Hilflosigkeit zeigt sich in der Haltung der meisten Individuen gegenüber den Zukunftsversprechen oder -Drohungen eines Systems. Wir hoffen entweder, dass ein Staat, eine Organisation oder eine konkrete Figur uns die schöne Zukunft möglich macht. Oder wir hoffen, dass wir vor der schrecklichen Zukunft gerettet werden. Die wenigsten Menschen erleben sich angesichts der Zukunft wirklich als aktive Mitgestalter.

Zugespitzt gesagt ist unser modernes Erleben von Zeit also folgendes: Wir sind getrieben von einer vorbeirasenden Gegenwart und hängen haltlos zwischen einer abgeschlossenen, fixierten Vergangenheit und einer Zukunft, die im Grunde genauso unbeeinflussbar erscheint. Einer Zukunft, die eben, wie Mark Fisher sagt, eigentlich bloß eine modifizierte Wiederholung der Vergangenheit ist und keine wirklich neuen Ideen in sich trägt.

Alternativlose Vergangenheit – alternativlose Zukunft

Aus einer Traumaperspektive passiert damit kollektiv etwas Ähnliches wie das, was wir auch von individuellen Traumata kennen. Wir haben eine bestimmte Geschichte darüber, was in der Vergangenheit passiert ist – und um die Gefühle, die darunterliegen, nicht spüren zu müssen, fixieren wir die Geschichte und machen sie unantastbar.

 Die Alternativlosigkeit in der Betrachtung der Vergangenheit führt aber zu einer ähnlichen Alternativlosigkeit der Zukunft. Die Geschichte wird statisch: Und weil sie statisch ist, fällt es uns schwer, uns eine Zukunft vorzustellen, die irgendwie anders ist als das, was wir schon erlebt haben.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf das Beispiel der Stadt Saranda zurückkommen, was ich im ersten Artikel dieser Reihe beschrieben habe.

Die Menschen dort erlebten die Zerstörung ihrer Stadt durch unregulierte Profitinteressen. Um den Schmerz darüber aushalten zu können, haben sie ein imaginäres Bild der für immer verlorenen “alten” Stadt entwickelt und die Nostalgie über das immer Verlorene wurde zum Teil ihrer Identität. Aber gerade weil das “für immer Verlorene” ein zentrales Element dieser kollektiven Geschichte ist, erscheint es heute fast undenkbar, die aktuelle Situation zu verbessern. 

Die Zukunft in uns

Unser kollektives Erleben von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist damit geprägt von einer großen Hilflosigkeit. Die Zeit läuft uns davon, sie arbeitet gegen uns, sie rennt über uns hinweg, wir prallen an ihr ab wie an einer undurchdringlichen Wand. Und: Dieser Zustand ist nicht der einzig mögliche. Er ist eine Traumareaktion.

Hilflosigkeit bleibt dabei ein legitimes Gefühl. Es ist einfach so, dass es Dinge gibt, denen gegenüber wir machtlos sind. Das ist eine Realität. Und trotzdem ist eine gesunde Art des Zukunftserlebens denkbar: Eine berührbare Zukunft, die nicht außerhalb von uns stattfindet, sondern ein Teil von uns ist. Ein gesunder, präsenter Mensch trägt die Zukunft in sich, weil er nicht abgeschnitten ist von dem evolutionären Streben nach Leben, Wachstum und Innovation. Ein Mensch, der nicht aus dem Trauma handelt, ist eine aktive Zelle der Zukunft, die er sich wünscht. Hoffnung auf die Zukunft hängt dann viel weniger von äußeren Rahmenbedingungen ab. Sie ist ein unverbrüchlicher Instinkt, der auf einer völlig anderen Ebene wirkt als theoretische Vorstellungen von der Zukunft als Hölle oder als Paradies.

Um es mit den Worten des italienischen Schriftstellers Italo Calvino zu sagen:

“Die Hölle auf Erden ist nicht etwas, was sein wird; wenn es eine gibt, dann eine, die schon da ist, die Hölle, die wir jeden Tag bewohnen, die wir durch unser Zusammensein erschaffen. Es gibt zwei Wege, um nicht daran zu leiden. Der Erste gelingt vielen ohne Schwierigkeit: Die Hölle zu akzeptieren und ein Teil davon zu werden und sie schließlich gar nicht mehr wahrzunehmen. Der zweite Weg ist riskant und erfordert Aufmerksamkeit und kontinuierliches Lernen: Herauszufinden, wer und was, inmitten der Hölle, keine Hölle ist, und es zu erhalten und ihm Raum zu geben.”

Die Zeit fühlen lernen

In dieser Artikelreihe möchte ich zeigen, wie tief wir von kollektiven Traumata beeinflusst sind: Bis hinein in unser Erleben von Zeit. Und ich möchte gestützt durch meine eigenen Erfahrungen ein Konzept dafür entwickeln, wie Synchronizität mit der Zeit aussehen könnte und wie tief sich unsere Erfahrung unseres Seins in der Welt durch Traumaarbeit verändern kann.

Aber es geht am Schluss nicht um ein Konzept. Ich weiß nicht, ob die Zukunft ein Paradies oder eine Hölle ist. Ich vermute aber, dass unsere Vorstellungen von Zukunft und Vergangenheit Konstrukte sind, mit denen wir Distanz erschaffen zu unseren kulturellen, ungefühlten Traumata. Wenn wir den Mut haben, diese Konzepte zu hinterfragen, die Wunden zu heilen und wieder ins Fühlen zu kommen, könnte sich unser Erleben von Zeit grundlegend ändern.

Die Zeit findet dann nicht außerhalb von uns statt, sondern in uns und durch uns. Sie wird flexibel. Sie arbeitet für uns, nicht gegen uns. Und wir werden innerhalb der Zeit zu aktiven Mitgestaltern unserer Geschichte.

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Quellen:

Italo Calvino, Le città invisibili, 1972

Podcastfolge von Philosophize This!: https://open.spotify.com/episode/73MU1ifKt8owlj2gycL91U?si=48b5de0359af4d15

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