Eines Tages ging ich in eine griechische Bäckerei, um nach Brot vom Vortag zu fragen. Es war die dritte an diesem Tag – bei den beiden davor hatte ich keinen Erfolg gehabt. Das war der Sommer 2021, ich war mit meinem damaligen Partner unterwegs und wir versuchten seit gut zwei Wochen, ohne Geld zu leben. Einfach nachzufragen, das funktionierte nicht. Als ich in die dritte Bäckerei ging, tippte ich vorher einen Text in Google Translate. Dieser Text lautete: “Kann ich altes Brot für mein Pferd haben?”
Mein erfundenes Pferd hatte mehr Erfolg als ich. Nicht nur, dass die Verkäuferin bereitwillig eine ganze Tüte voller Brot und sogar Kuchen herausrückte. Sie äußerte sogar Besorgnis, ob das Brot, das sie mir gegeben hatte, auch nicht zu hart für mein Pferd sei und tauschte einen Laib davon gegen einen frischeren aus.
Manchmal gibt es kleine Momente, die unsere Geschichte über die Welt nachhaltig prägen. In diesem Frühsommer in Igoumenitsa waren wir nicht wirklich pleite. Wir waren frisch verliebt und alles fühlte sich für mich an wie ein Spiel. In einem älteren Artikel habe ich schon einmal darüber geschrieben, wie das alles funktionierte und dass wir tatsächlich eine Weile in der Lage waren, ganz ohne Geld ein gutes Leben zu führen. Diese Erfahrung hat mir viel von der intuitiven Angst genommen, ohne Geld zu hungern und zu erfrieren.
Aber zugleich entstanden in dieser Zeit Grundannahmen über die Welt, die mich noch lange begleiten sollten. Eine davon: Mit der Wahrheit komme ich nirgendwo hin.
Das erste erfundene Pferd war ein Spiel, ein Scherz. Aber über die Zeit sollte ich immer mehr solche Pferde besitzen.
Fake it till you make it
Ich habe lange, wirklich lange, nach dem Grundsatz gelebt: Fake it till you make it. Dass das, was ich wirklich kann, nicht genug ist und dass ich so tun muss, als wäre ich mehr, als ich bin, schien mir unhinterfragbar. Ich habe darüber nicht einmal nachgedacht. Und nicht zuletzt war es ein Weg, gegen meine riesigen Selbstzweifel anzukämpfen. In derselben Zeit, in der ich ein Pferd erfand, um kostenlos an Brot zu kommen, begann ich auch, als Marketingtexterin zu arbeiten. Ich war also im Onlinebusiness-Feld unterwegs, das sehr oft nach genau diesem Grundsatz funktioniert: Einfach, weil online alles möglich erscheint und vieles sehr schwer nachprüfbar ist. Und die Geschichte, die ich jetzt erzähle, ist kein Einzelfall.
Wie Covid meine Zukunft veränderte
Um dieses Muster zu beschreiben, muss ich zuerst einmal auf meine persönlichen Hintergründe eingehen. Anfang 2021 fühlte ich mich von der Gesellschaft ausgestoßen. Es war Covid. Mir war schnell klar, dass ich weder bereit war, mich zu impfen, noch die meisten Maßnahmen mitzutragen. Ich hatte Deutschland verlassen, weil die drückende Angst in der Luft mehr war, als ich ertragen konnte und mich nach Südosteuropa zurückgezogen. Mein ursprünglicher Plan, in Deutschland kreatives Schreiben zu studieren, hatte sich zerschlagen. Mir war klar, dass ich mich an einer deutschen Universität mehr hätte anpassen müssen, als ich mir vorstellen konnte. Der Konfrontation damit fühlte ich mich nicht gewachsen. Dass ich Anfang 2021 ohne Plan und alleine einfach woandershin reiste, halten viele Menschen, denen ich das erzähle, für eine extrem mutige Entscheidung. Aber die Wahrheit ist, dass dieser Schritt mich weniger Mut kostete, als in einem Land zu bleiben, wo ich mich plötzlich nicht mehr zugehörig fühlte.
Als ich nach wenigen Wochen in Albanien meinen damaligen Partner kennenlernte, war dieses gefühlte Ausgestoßensein etwas, was uns verband. Auch er – wie viele andere Menschen in dieser Zeit – hatte Deutschland wegen der Covid-Maßnahmen verlassen.

Noch dazu hatte er eine schwierige Kindheit gehabt, in der er sich von Anfang an immer hatte durchkämpfen müssen. Er war es gewöhnt, nicht gemocht und gewollt zu werden. Und hatte dadurch eine große Kreativität darin entwickelt, mit solchen Situationen umzugehen.
Hochstapelei wurde ein Mittel des sich Durchkämpfens in einer unfreundlichen Welt.
Zweifel? Das falsche Mindset
Wenn ich heute mit einer Situation wie Covid umgehen müsste, hätte ich ganz andere Mittel und Ressourcen. Vermutlich sähe auch die Geschichte, die ich mir selbst erzählen würde, anders aus. Aber damals hat mich das an einem verletzlichen Punkt getroffen. Ich war ja gerade erst mit der Schule fertig und wusste überhaupt nicht, wer ich bin. An dem Punkt, an dem ich auf der Suche nach einem Platz in der Welt war, wurde diese Welt für mich auf einmal bedrohlich und unsicher.
Mein Partner machte mir Mut. Er hatte eine Onlinemarketing-Agentur – die in Wahrheit nicht sonderlich gut lief und nur aus ihm selbst bestand. An seiner Seite begann ich, Texte zu verkaufen. Dass ich darin keine Ausbildung hatte: Geschenkt. Ich versuchte eben, mein schriftstellerisches Können auf diesen Bereich zu übersetzen und erreichte ganz passable Ergebnisse. In unserer Welt dagegen war ich vom ersten Tag an eine erstklassige Texterin. Jeder Zweifel daran: Das falsche Mindset. Es schien, als ginge es nur darum, unsere eigenen Geschichten zu schreiben und dann daran zu glauben. Es schien, als müssten wir nur schlau genug sein, um die Bedingungen der Welt zu umgehen.
Digital Homeless
Irgendwann ging uns dann tatsächlich das Geld aus. Wir strandeten auf Evia, einer griechischen Halbinsel. Nachts schliefen wir in einem Feuerwehr-Wachhäuschen oder auf den verlassenen Strandliegen. In diesem Sommer blieben die meisten Touristen weg und der kleine Ort am Strand war ziemlich leer. Wir ließen uns von einsamen, alten Männern zum Essen einladen. Es gab ein Cafe, dessen Besitzer Adonis hieß, aber nicht so aussah: Wenn ich morgens allein dorthin ging, bekam ich Frühstück geschenkt, musste aber auf der Hut sein, um nicht betatscht zu werden.
Unser letztes Geld gaben wir für Instantkaffee mit Eiswürfeln aus, um von morgens bis abends in der glühenden Hitze an den roten Plastiktischen desselben Cafes zu sitzen, zu telefonieren, Mails zu schreiben und Nachrichten zu verfassen, in dem Versuch, Aufträge an Land zu ziehen. Tagsüber waren wir Digital Nomads, die von Griechenland aus arbeiten konnten. Erfolgreiche Menschen ohne Sorgen.

Nachts –
Eine meiner prägendsten Erinnerungen an diese Zeit ist die, wie wir eines Nachts übermüdet den leeren Strand entlanggingen. Ich fühlte eine seltsame Leichtigkeit, wie sie in solchen Situationen entstehen kann, drehte mich zu meinem Partner um und sagte lachend: “Eigentlich sind wir obdachlos.” Er wurde wütend und sagte, ich solle ihn nicht so herunterziehen. Das sei überhaupt nicht wahr. Ich mache alles schwerer mit meinem Pessimismus und meiner Depressivität.
Leben im Luftschloss
Ich lernte also, alle Gefühle wegzuschieben, die im Widerspruch zu dem Bild von uns selbst standen, das wir erschaffen hatten. Ich tröstete mich damit, die ganze Geschichte im Rückblick zu denken. Eines Tages, reich und erfolgreich, würde ich lachend davon erzählen, wie ich damals in Wahrheit am Strand geschlafen hatte. Und wie ich keinen Moment daran gedacht hatte, aufzugeben.
Übrigens zahlte sich dieser wahnsinnige Energieaufwand und die Kreativität, die wir dabei entwickelten, irgendwann aus. Wir bekamen tatsächlich Aufträge. Schrittweise ging es uns finanziell besser, bis irgendwann sogar Zeiten kamen, wo wir uns um Geld kaum noch Sorgen machen mussten. Aber die meisten Zusammenarbeiten endeten früher oder später in Enttäuschung – was angeblich natürlich immer an den Kunden lag. Im Grunde verkauften wir einfach nur unsere eigenen Luftschlösser an Menschen, die bereit waren, daran zu glauben. Ein Pferd zu erfinden, wenn ich eines brauchte, war zu meiner zweiten Natur geworden und ich glaubte sogar daran, dass dieses Pferd sich früher oder später materialisieren würde. Ich log nicht: Ich griff der Zukunft nur ein bisschen vor.
Und warum erzähle ich diese Geschichte heute?
Ich habe lange gezögert, das zu tun. Denn ich schäme mich natürlich dafür. Und ich habe Sorge, dass diese Geschichte meine Glaubwürdigkeit beeinträchtigen könnte.
Aber gleichzeitig sehe ich darin ein Muster, das weit verbreitet und viel zu interessant ist, um nicht angeschaut zu werden. Diese Art Luftschlösser gibt es an vielen Stellen in der Onlinebusiness- und Coaching-Szene und – in kleinerem Ausmaß und in abgewandelten Formen – auch in vielen anderen Feldern. Viele von uns sind an bestimmten Punkten auf solche Luftschlösser hineingefallen. Noch immer bauen Menschen Webseiten, die zehnmal größer aussehen als das, was dahinter steht und sagen: Sonst kauft keiner. Und hinter allem steht das Prinzip: Fake it till you make it.
Die drei Prinzipien hinter der Hochstapelei
Hinter meinem Werdegang als Hochstaplerin standen drei Grundannahmen:
- Was ich bin, ist nicht genug
- Die Welt ist mir feindlich gesinnt
- Es ist nicht sicher, einen eigenen Weg zu gehen
In der Online-Welt gibt es zwei Arten von Scammern: Die erfolgreichen, die genau wissen, was sie tun. Und die weniger erfolgreichen, die an das, was sie tun, selbst glauben. Eine Unternehmerin, die auf die zweite Art von Scam hereingefallen war, beschrieb mir das vor einigen Wochen als „Pippi-Langstrumpf-Mentalität“. Eine Einstellung, die, wie sie sagte, für sie anziehend gewesen war und sie dazu verführt hatte, die entsprechende Geschäftsbeziehung einzugehen. Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Ich mache, was ich will, egal, ob die anderen sagen, das geht nicht.
Die Hochstapelei warf mich hinaus über die Möglichkeiten meines geringen Selbstwerts. Sie eröffnete mir eine Welt der Möglichkeiten auch jenseits meiner Herkunftsfamilie, in der mir für das, was ich vorhatte, die Vorbilder fehlten.

Sie erschien als die willkommene Abkürzung zum Erfolg in einer Welt, die diesen Erfolg für jemanden wie mich nicht vorzusehen schien.
Aber während ich sagte „Fake it till you make it“ – was genau war da eigentlich „it“? Im Grunde kopierte ich nur Erfolgssymbole, die ich von anderen übernommen hatte.
Wir orientierten uns an einem Bild, das irgendwo da draußen schon fertig war anstatt tatsächlich einen eigenen Weg zu suchen. In meiner Zeit als Hochstaplerin war ich so verhaftet an die Geschichte von dem, was ich sein sollte, dass ich fast keine Selbstwahrnehmung mehr hatte. Ich durfte nicht mehr fühlen, wie es mir tatsächlich geht. Ich hatte keine Möglichkeit, eine realistische Einschätzung meiner eigenen Fähigkeiten zu bekommen und meine Talente ausgehend davon weiterzuentwickeln. Dahinter stand eigentlich die Überzeugung, dass ich selbst gar nichts wert war. Wertvoll wäre ich erst, wenn ich den gesellschaftlich vermittelten Erfolgssymbolen würde entsprechen können.
Am Ende der Illusion
In meinem Leben kam der Punkt, an dem ich mein Luftschloss nicht mehr aufrechterhalten konnte. Es fiel zusammen – Luftschlösser machen das so. Die Beziehung zerbrach. Und ich erinnere mich an die Monate danach als eine Zeit von großer Leere. Es war Winter und ich fuhr in die Berge, wo ich jeden Morgen mit einem großen, weißen Nichts und einer vollkommenen Stille vor dem Fenster aufwachte. Ich ging am Liebsten im Nebel spazieren, wenn ich nur wenige Schritte Sicht hatte und es zwischen Himmel und Boden keinen sichtbaren Unterschied mehr gab. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Ich wusste nicht mehr, wer ich sein sollte.
Und dieser Zustand war befreiend. Schmerzhaft, ja – aber befreiend. Mein Luftschloss war zerfallen und damit hatte ich auch wieder das Recht, das Gleiche zu tun. Zu fallen. Hochstapler dürfen das nicht. Sie dürfen keine Fehler machen. Wenn wir diesen Weg wählen, dann ist das der Preis, den wir zahlen.
Wenn mir das jemand früher gesagt hätte, dann wäre ich vielleicht sehr erleichtert gewesen.
Vielleicht hätte ich aber auch gedacht, ich wisse es besser.
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