Wien, das alte Europa und die große Abwesenheit

An einem Vormittag Ende Januar saß ich im traditionsreichen Wiener Kaffeehaus Schwarzenberg und weinte.-

Vor den großen Fenstern haben sie die Jalousien fast ganz heruntergezogen, um die tiefstehende Wintersonne draußen zu halten. Obwohl es ein heller, strahlender Tag ist, brennen die prachtvollen Kronleuchter an der Decke und sorgen zusammen mit den tanzenden Sonnenstrahlen auf den Tischen am Fenster für ein magisches Dämmerlicht. Es kommt mir vor, als würde ich träumen. Die Messingknöpfe an den Lederstühlen schimmern, Menschen unterhalten sich leise und freundlich, aus der Küche dringt Geschirrgeklapper. Die Kellner im Frack verbeugen sich leicht, wenn ich vorbeigehe. Ein Blick genügt und einer von ihnen, ein fast zwei Meter großer, älterer Herr, kommt an meinen Tisch und beugt sich fragend ein wenig zu mir nach unten. Und aus einer Reihe von Spiegeln mir gegenüber schaut mich ständig mein eigenes Gesicht an. Ich sitze diesem Bild von mir gegenüber wie einer Fremden. Der Traum, den ich träume, scheint nicht meiner zu sein, sondern vielleicht der von meinen Urgroßeltern. Und vielleicht auch gar nicht meine Urgroßeltern, sondern die von jemand anderem; und vielleicht alle Urgroßeltern zusammen.  

Um zu erklären, warum mich das zum Weinen bringt, muss ich ein bisschen weiter zurückgehen.

Schönheit, die aus Reichtum entsteht

Der erste Tag in Wien beginnt sehr schön. Ich fahre mit dem italienischen Physikdoktoranden, bei dem ich übernachte, in die Stadt und er lädt mich auf einen Kaffee ein, bevor er in die Universität geht. Ich spaziere in Richtung des Stephansdoms und freue mich, wie der Wind an meinem Mantel zerrt und wie prachtvoll die Gebäude sind, an denen ich vorbeigehe. Prachtvoll. Was ist Pracht? Einem mazedonischen Freund, der kein Deutsch spricht, habe ich es so erklärt: Pracht ist die Art von Schönheit, die aus Reichtum entsteht, wenn wir Glück haben. Wien ist prachtvoll. Aber während ich so durch die Stadt gehe, fühle ich mich kleiner und kleiner und kleiner.

Erst im Nachhinein kann ich beschreiben, was an diesem Tag in mir passiert ist. Es ist so, als wäre, umso länger ich gegangen bin, in mir eine Wunde aufgerissen worden. Eine ganz gemeine Art von Schmerz, der sich anfühlt wie Frustration und so gar nicht richtig erkennbar ist. Beinah eine Art Wut auf die Unversehrtheit dieser Prachtbauten, ein Gefühl, was mich eng und düster macht, in dem ich stecken bleibe, was ich nicht fassen kann, ein innerer Nebel.

Zum Glück treffe ich am Abend einen Wiener Philosophen. Ich suche nach ihm im überfüllten Foyer des Musikvereins und er findet mich plötzlich in der Menge und zieht an meinem Arm, um meine Jacke zusammen mit seiner abzugeben, unter dem lautstarken Protest einer Gruppe von Asiaten, die wie ein Automat immer wieder wiederholen: Please hold the line! Please hold the line! Ich bringe vor Aufregung keinen Ton heraus und nicke nur mechanisch auf alle seine Fragen, bis wir oben am Balkon angekommen sind und uns nebeneinander über die Brüstung lehnen. Wenn ich den Kopf auf die Unterarme lege, kann ich die rechte Hand des Pianisten sehen, der an diesem Abend auftritt, diese schmale, helle Hand, die bei den hohen Tönen in mein Blickfeld tanzt. Und manchmal, wenn er den Kopf zurücklegt beim Spielen, dann sehe ich für einen kurzen Moment auch sein Gesicht und sein beseligtes Lächeln. Der glänzende Saal ist fast voll besetzt und zu beiden Seiten der Bühne lehnen sich Menschen wie ich über die Brüstung, um besser zu sehen; Menschen aller Altersstufen, die mit konzentrierten, entrückten Gesichtern lauschen. Und als der Pianist sein Konzert beendet hat, klatschen alle so laut und lange, dass er vier Zugaben spielt. 

“So eine Stimmung!”, sage ich zu dem Philosophen, als wir nachher die Treppe ins Foyer hinuntergehen. “Das habe ich bei einem klassischen Konzert noch nie erlebt.”

“In Wien ist das normal”, sagt er. 

Von der Kunst, die Seele einer Stadt zu lesen

Nachher gehen wir ins Cafe Schwarzenberger und sitzen an exakt dem gleichen Tisch, an dem ich am nächsten Tag auch wieder sitzen werde – natürlich. Ich bringe es wie üblich fertig, schon nach zwei Tagen in einer fremden Stadt eine Gewohnheit zu entwickeln. Manchmal denke ich, das ist einer der Schlüssel, die ich benutze, um die Seele einer Stadt lesen zu können. Denn die Seele einer Stadt besteht unter anderem aus den Leben der Menschen darin, und diese Leben wiederum bestehen aus Gewohnheit. Als Reisende diese Gewohnheiten zu imitieren, ist die größtmögliche Annäherung an die Leben der anderen.

Der zweite Schlüssel ist aber immer ein Mensch, der mir hilft zu verstehen. Nicht irgendein Mensch: Die meisten Menschen wissen über die Seele ihrer Stadt rein gar nichts. Sie leben als blinder Teil davon, sie sind mit ihr verschmolzen. Um zu verstehen, dafür braucht es eine Gleichzeitigkeit von innerer Verbundenheit und Distanz, und um diesen Zustand zu erreichen, braucht es Kunst, Philosophie oder Magie.

Menschen, die Städte lesen können, leben in einem Zwischenbereich von Realität, der über das Alltagsbewusstsein nicht erreichbar ist.

Zum Glück kenne ich in Wien den Philosophen, und so laufen wir nachts durch die Stadt und er erzählt: Von Wittgenstein, von den Statuen von Goethe und Schiller und warum Schiller stehen muss, vom Weintrinken im Wiener Wald, von Hitler in der Hofburg und wie man sich dort auf einen Ball schleicht. Als ich mich auf die letzte U-Bahn in den 22. Bezirk verabschiede, bin ich durchgefroren und euphorisch. Der Nebel in mir hat sich verflüchtigt. Und so komme ich der Sache am nächsten Tag im Kaffeehaus auf den Grund.

Die unversehrte Stadt

Zurück zur Anfangsszene. Ich lehne am Fensterbrett und schaue hinaus auf den im gleißenden Sonnenlicht vorbeirauschenden Verkehr; ich bin mir nicht sicher, ob ich wach bin oder nicht und zucke zusammen, als der Kellner nach meiner Bestellung fragt. Jetzt endlich gelingt es mir, zu benennen, was Wien von anderen schönen Städten unterscheidet, in denen ich gewesen bin. 

Wenn ich an die Städte denke, über die ich geschrieben habe, die Städte, die mich faszinieren – Neapel oder Saranda in Albanien – dann hatten diese Städte immer eine Gemeinsamkeit. Es gab in ihnen den Traum eines verlorenen Paradieses. Einen Riss in der Geschichte, einen bestimmten Wendepunkt – in den genannten Fällen einen Bürgerkrieg -, an dem die Stadt dem Empfinden ihrer Bewohner nach aus ihrer natürlichen Entwicklung herausgerissen wurde.

Von diesem Punkt an würde eine Stadt sich stattdessen so entwickeln, wie sie es braucht, um die Folgen des Traumas zu überwinden. Und der Riss würde darin bestehen, dass das Gespenst der Geschichte, wie sie eigentlich hätte sein sollen, in den Imaginationen der Menschen weiterlebt und betrauert wird. Eine Stadt wie Neapel ist zerrissen, weil sich in ihr zwei parallele Zeitlinien verwirklichen: Das, was werden musste und das, was hätte werden sollen.

In Wien gibt es diesen Riss nicht. Auf irgendeine Weise hat diese Stadt es geschafft, sich selbst zu erhalten. Die europäische Geschichte hat ihr keine nennenswerte Wunde geschlagen. Hier ist die Zeit nicht unterbrochen worden: Das Vergangene setzt sich harmonisch in die Gegenwart und in die Zukunft fort. Dinge, die woanders wie ein nostalgisches Postkartenmotiv wirken würden, sind hier ganz gegenwärtig. Die Fiaker, die Kaffeehäuser, die Konzerte sind nicht die Nachstellung von etwas Verlorenem, sondern lebendige Gegenwart. Sie sind nicht aus der Zeit gefallen. Sie setzen sich in der Zeit fort.

Und im Angesicht dieser Unversehrtheit begreife ich die Zerstörung in dem Land, aus dem ich komme. Die deutschen Städte sind von Bombenkratern durchzogen. Äußerlich, aber auch innerlich.

Überall, wo ich in Deutschland gewesen bin, gab es eine Narbe von Hässlichkeit und eine unbestimmte Abwesenheit. Ich habe immer gespürt, dass etwas fehlt, ohne benennen zu können, was genau. Und am Schluss war es wohl diese große Abwesenheit, die schon als Kind zu meiner besessenen Suche nach Schönheit geführt hat.

Und später zu meiner Faszination für Städte wie Neapel und Saranda, die zwar auch zerrissen sind, aber in denen das Verlorene wenigstens noch benennbar erscheint. In Deutschland ist das Verlorene namenlos. Ich glaube, die kollektive Schuld hat ein kollektives Vergessen bewirkt. Denn solange die Schuld da ist, würde sie durch das Erinnern an das, was zerstört wurde, in ein nicht mehr aushaltbares Ausmaß wachsen. 

Die Träume, die in den Lücken waren

Aber an diesem Morgen erinnere ich mich zum ersten Mal. Was ich in Wien sehe, wird zur Blaupause meiner eigenen Erinnerung: Die Stadt erschafft in mir zum ersten Mal das konkrete Bild einer blühenden, europäischen Kultur. Es ist kein Traum, den ich jemals selbst geträumt habe, denn ich bin in einem Land zur Welt gekommen, das schon durch die Abwesenheit dieses Traums geprägt war.

 Es ist nicht mein Traum, aber der Traum von Menschen, die vor mir kamen; Menschen auf der anderen Seite des Schleiers. Zum ersten Mal habe ich eine Imagination davon, was Deutschland hätte werden können. Und im Angesicht dieser Imagination kann ich über das weinen, was stattdessen geworden ist. Nicht aus Schuld, nicht aus Angst vor Wiederholung, nicht aus Wut auf meine Vorfahren, wie ich es als Kind getan habe. Sondern einfach aus Trauer.

Und so weine ich, leise und diskret, das Gesicht zum Fenster gewendet. Nachher muss ich schnell los zum Bahnhof, es ist schon Mittag und ich bin mit einem Dichter in Krems an der Donau verabredet. Von dem bekannten Alzheimer-Forscher Dr. Michael Nehls habe ich gelernt: Ohne Erinnerung an die Vergangenheit gibt es keine lebendige Imagination der Zukunft. In Deutschland sprechen wir von Erinnerungskultur und das ist in gewisser Weise richtig. Aber wenn ich hinschaue, wie meine Beziehung zur Vergangenheit meines Geburtslandes aussieht, dann besteht sie aus einer gründlichen, omnipräsenten Erinnerung an das Grauen und sonst aus einem großen Nichts. Natürlich gibt es ein theoretisches Wissen um andere Teile deutscher Geschichte. Aber wenn ich sehe, zu welchen dieser Erzählungen ich wirklich eine fühlende Beziehung habe, dann ist das einzige, was bleibt, das Dritte Reich. 

Was mir in Wien begegnet, ist eine lebendige Imagination davon, welche Träume in den Lücken gewesen sein könnten, mit denen wir so selbstverständlich leben. Und gerade dadurch nehme ich diese große Abwesenheit wahr und kann sie benennen. Wenn mich das nächste Mal jemand nach der deutschen Kultur fragt, dann werde ich vielleicht sagen: Unsere Kultur ist die Lücke. Und der kreative, ambitionierte Versuch, das Verschwundene zu ersetzen.

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