2024 war ein echt abgefahrenes Jahr. Unter anderem war es das Jahr, in dem ich endlich meinen Roman angefangen habe, der in den Neunziger Jahren in Albanien spielt. Als ich mit der Recherche für dieses Projekt angefangen habe, spürte ich vage, dass mir als Mensch noch etwas fehlte, um die Idee zu verwirklichen. Ich habe mir damals vorgestellt, wie ich eines Tages in einem Interview sagen würde: „Ich musste erst der Mensch werden, der in der Lage war, diesen Roman zu schreiben.“
Dieses Jahr bin ich dieser Mensch geworden. Aber was das bedeutet! Erlebnisse, die wirklich jenseits von dem sind, was gesellschaftlich als normal und real betrachtet wird. Eine völlig veränderte Beziehung zur Welt und mir selbst. Und in alldem eine Klarheit über das, was ich vorhabe in dieser Welt, die ich vorher einfach nicht hatte. In diesem Artikel erfährst du, wie es dazu gekommen ist. Und selbst wenn du diesen Blog schon jetzt regelmäßig liest: Du wirst in diesem Artikel Dinge erfahren, die ich bisher nicht öffentlich erzählt habe.
Meine Themen und Highlights in 2024
Eine Silvesterparty mit überraschendem Ende
Am Neujahrsmorgen 2024 saß ich auf dem Sofa einer Freundin und ein Mann, den ich am Abend vorher erst kennengelernt hatte, döste mit dem Kopf auf meinem Schoß. Ein paar Frauen, die mit mir im Zimmer saßen, betrachteten die Szene und lächelten wissend und ich hatte das starke Gefühl, dass dieser Typ nicht mehr so schnell aus meinem Leben verschwinden würde.
Stand jetzt: Habe ich damit Recht gehabt. Nach einem Jahr Abenteuer und Herumprobieren hatte ich Ende 2023 einen Punkt erreicht, an dem ich genau wusste, was ich wollte. Ich hatte eine Liste gemacht mit allen Punkten, die mir in einer Beziehung wichtig waren, ich wusste genau, dass weniger als das keine Option mehr war und dachte: So langsam könnte ich es mir doch vorstellen, wieder einen Partner zu haben.
Keine zwei Wochen später tauchte Mark auf der Silvesterparty meiner Freundin auf. Und als er kurz vor Mitternacht zu einer anderen Feier weiterziehen wollte, hörte ich mich zu meiner eigenen Überraschung ziemlich bestimmt sagen: „Du kannst jetzt noch nicht gehen.“

Die Warnung
Zum Glück ist er geblieben. Und wenn ich auf dieses Jahr zurückschaue, dann wird mir immer wieder bewusst, wie fundamental diese Beziehung meinen Blick auf mich selbst und die Welt verändert hat. Ich könnte vermutlich eine ganze Serie von Blogartikeln nur darüber schreiben. Aber wenn ich versuche, es durch eine einzige Geschichte zu erzählen, dann ist es die folgende:
Bei unserem zweiten Date im Januar saß ich ihm in einem Dönerladen gegenüber und versuchte, ihn vor der Entwicklung zu warnen, die ich aus Erfahrung voraussah. Ich sagte ihm: „Jetzt magst du mich, aber wenn du mich erst richtig kennenlernst, dann wirst du vor mir erschrecken.“
„Wieso?“, fragte er. „Bist du Alkoholikerin? Oder hast du einen Ex-Freund, der dich umbringen will?“
Er zählte noch drei oder vier ähnlich drastische Punkte auf, die ich alle verneinte. „Na dann“, erwiderte er, „mit allem anderen komme ich klar.“
Die Frau hinter meinem Rücken
Und dann zeigte er mir, langsam, langsam, dass ich bei Weitem nicht so kompliziert bin wie ich dachte. Dass die Beziehungserfahrung, erst auf einen Sockel gestellt und dann dramatisch wieder heruntergestürzt zu werden, nicht die einzig mögliche ist. Mit dem Mann, mit dem ich vor Mark zusammen war, hatte ich im Laufe der Zeit eine zweite Persona konstruiert, die wir „die Frau hinter meinem Rücken“ nannten: Eine zweite Marleen, die für alle Eigenschaften, Wünsche und Verhaltensweisen verantwortlich war, die mein Partner ablehnte. Vermutlich hofften wir, diese zweite Frau irgendwann loswerden zu können, damit er sein Idealbild von mir zurückbekäme und mich weiter lieben könnte.
Aber die „Frau hinter meinem Rücken“ hätte die ganze Welt ins Chaos gestürzt, um weiterzuleben. Sie war es, die uns am Ende freikämpfte. Zwar war ich ihr dankbar dafür, aber auch ein Jahr nach dem Beziehungsende war ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass an dieser Trennung mitten in meinem Wesen etwas falsch sein könnte. Erst mit Mark, der sagte, er will mich lieben mit allem, was ich bin und es ernst damit meinte, wurden meine zwei Gesichter wieder zu einem einzigen.
Recherchereise nach Albanien
Am Neujahrsmorgen sagte ich zu Mark: „Ich fahre übrigens im April für ein paar Wochen nach Albanien. Willst du mit?“
„Klar“, sagte er, scheinbar kein bisschen überrascht und holte seinen Kalender heraus. „Wann genau?“
Und so kam es, dass er mich auf meiner schon lange geplanten Recherchereise begleitete. Die erste Idee für meinen Roman, der in den Neunziger Jahren an der albanischen Südküste spielt, lag da schon fast eineinhalb Jahre zurück. In dieser Zeit habe ich alles gelesen, was ich dazu in englischer Sprache gefunden habe – sehr viel war das allerdings nicht. Die kommunistische Diktatur bis 1991 ist sowohl literarisch als auch wissenschaftlich vielfach aufgearbeitet worden. Aber die Jahre direkt danach erscheinen wie ein blinder Fleck in der albanischen Geschichte. Vielleicht, weil sie an die westlich-kapitalistische Befreiungserzählung ein paar unangenehme Fragen stellen. Jedenfalls wurde es immer deutlicher, dass ich noch einmal an den Schauplatz meines Romans zurückreisen musste, um vor Ort Menschen zu dieser Zeit zu interviewen.
Albaniens unerzählte Geschichte
So kamen wir Anfang April in der Küstenstadt Saranda an, ein unregulierter Haufen Gebäude in einer Bucht mit Blick auf Korfu, umgeben von kahlen Hügeln und strahlend blauem Meer. Erst über Kontakte von früher, als ich in der Nähe gewohnt habe, dann über Facebook, begann ich, nach Gesprächspartnern zu suchen: Menschen, die alt genug waren, um sich zu erinnern und trotzdem Englisch, Französisch oder Italienisch sprachen.

Schon nach kurzer Zeit war mein Facebookpost einer der meistgelesenen in der lokalen Gruppe. Die Menschen vor Ort waren nicht nur hilfsbereit; immer wieder erlebte ich es, dass sich meine Gesprächspartner sogar bei mir bedankten. „Danke, dass du diese Geschichte erzählst“, sagten sie. „Wir haben keine Zeit, es zu tun.“ Oder sogar: „Danke, was du für mein Land tust.“
Jenseits der offiziellen Erzählung in den albanischen Museen, die 1991 abrupt endet, entdeckte ich ein Kaleidoskop aus Träumen, Vorstellungen und Symbolen. Ich erkannte, dass ich durch meine Unvoreingenommenheit, als Fremde, auf eine Weise zuhören konnte, die mir bei Deutschen nie möglich gewesen wäre. Meine eigenen kulturellen Traumata wurden nicht berührt. Und ich war fast erschüttert von der tiefen Menschlichkeit, die plötzlich spürbar wurde. Und in der ich entdeckte, wie viel die Träume der Menschen aus Saranda mit denen der Deutschen gemeinsam haben.
Die beste Lesung meines Lebens
Ich kam aus Albanien zurück mit einem starken Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber dieser Geschichte. Die Suche nach dem Anfang ging dann aber noch ein paar Wochen – bis zu meiner einwöchigen Künstler-Residenz im Hofgut Leo in Gresgen Anfang Juni.
Für eine Woche beherbergte das Haus an der Schweizer Grenze Künstler verschiedener Sparten, jeden Abend gab es Veranstaltungen. In dieser anregenden Atmosphäre begriff ich endlich, was mir zum Schreiben noch gefehlt hatte: Ich hatte mich zu sehr auf meine menschlichen Protagonisten konzentriert. Und nicht begriffen, dass der eigentliche Protagonist die Stadt selbst sein musste. Denn die Geschichte, die ich erzählen wollte, war eben gerade nicht individuell, sondern kollektiv.

Für die Abendveranstaltung, die ich gestalten sollte, entwickelte ich dann ein Programm rund um das Albanien-Projekt. Und die Reaktionen der gut zwanzig Menschen im Publikum gaben meinem Gefühl für die Thematik recht: Völlige Stille für zwei Stunden, feuchte Augen, eine angeregte Diskussion im Anschluss und Menschen, die mir sagten, sie haben die halbe Nacht nicht schlafen können, weil sie so viel darüber nachgedacht hätten. Eines der schönsten Komplimente jemals für mein literarisches Schreiben habe ich an diesem Abend bekommen: „Deine Sprache ist kompliziert, aber nicht, weil sie mental ist; sie ist kompliziert, weil sie eben NICHT mental ist und ganz aus dem Fühlen kommt. Und deshalb kann man deine Texte sogar verstehen, wenn man sie nicht versteht.“
Das Geheimnis von Neapel
Es gibt aber noch eine zweite, sehr prägende Reise, die direkt nach Albanien stattfand. Und das war mein Aufenthalt in Neapel im Mai.
Über Neapel habe ich auf diesem Blog schon sehr viel geschrieben, aber es gibt eine ganz wesentliche Sache, die ich dabei verschwiegen habe. Und das ist der wahre Grund für meine Reisen dorthin. Deshalb, weil dieser Grund ganz schön verrückt ist und ich Angst davor habe, für verrückt gehalten zu werden. Aber was ich in Neapel erlebt habe, war nur eines von vielen Erlebnissen dieses Jahr, die völlig jenseits von dem stattgefunden haben, was gesellschaftlich für normal und für möglich gehalten wird. Und ich komme jetzt an den Punkt, wo das Ausklammern dieser Erlebnisse die Authentizität meines Schreibens ernsthaft einschränken würde.
Um diese Geschichte zu verstehen, muss man wissen, dass ich auf einem schamanischen Weg bin, seit ich elf Jahre alt war – etwas, über das ich bisher auch nur zurückhaltend gesprochen habe. Ich habe also eine lange Erfahrung mit Zeremonien. Trotzdem wollte ich mich nie damit identifizieren und habe es immer von mir gewiesen, in diesem Bereich irgendetwas zu können. Mehr noch: Jedesmal, wenn etwas irgendwie in die Richtung gegangen ist, für andere tätig zu werden (zum Beispiel Heilarbeit) ist mir übel oder schwindelig geworden.
Eine rätselhafte Erinnerung
Das erste Mal, als ich in Neapel war, kam ich nur auf der Durchreise vorbei, mit der Fähre von Sardinien im Frühling 2023. Eigentlich hätten wir damals direkt vom Hafen aus weiterfahren wollen, aber die Busse in den nächsten Stunden waren alle ausgebucht. Meine Freundin, mit der ich unterwegs war, setzte sich in ein Café und ich ging vom Bahnhof aus in die Altstadt, um noch Proviant zu kaufen.
Und kaum war ich von der Piazza Garibaldi abgebogen, stiegen mir die Tränen in die Augen: Alles – die abblätternden Fassaden, die Schreie der Möwen, die Menschen, die mir hinterher riefen – erschien mir zutiefst bekannt. Als hätte ich in all den Orten in Italien, zu denen ich gereist war, immer nach dieser einen Straße gesucht.

Ich wusste genau, wo der Markt war, ich ging auf direktem Weg dorthin, kaufte ein und sprach dabei immer wieder momentweise so schnell und flüssig Italienisch, dass meine Gesprächspartner verwirrt inne hielten. Und als wir einige Stunden später in den Bus nach Bari stiegen, wusste ich: Ich musste zurückkommen. Ich musste herausfinden, was es auf sich hatte mit dieser Erinnerung, die nicht zu meinem eigenen Leben gehören konnte.
Ein noch rätselhafterer Auftrag
Mein erster Aufenthalt in Neapel im November 2023 war verzaubernd und aufregend. Eine klare Erinnerung wie beim ersten kurzen Besuch hatte ich allerdings nicht. Und vermutlich hätte ich die Sache vergessen, wäre sie nicht im Kontakt mit einem schamanischen Heiler Anfang dieses Jahres wieder an die Oberfläche gekommen. Ich bat ihn darum, auf seinen Kanälen nach Informationen darüber zu suchen. Was er mir erzählte, war die Geschichte eines früheren Lebens von mir, in dem ich ein Gelübde gebrochen hatte, mit der Konsequenz, dass es mir verboten war, heilerisch tätig zu sein. Um dieses Gelübde zu lösen, sollte ich an einer Piazza mit dem ungefähren Namen „Virogulina“ einen Ring finden und ihn dann in eine Kirche bringen, die der Maria Magdalena gewidmet war.
Im ersten Moment war ich von dieser Geschichte sehr berührt. Ich spürte, dass da etwas dran war und außerdem hatte der Heiler in der Session Dinge über mich gesagt, die er gar nicht wissen konnte. Aber mit der Zeit erschien es mir dann doch ziemlich unmöglich. Wie auch immer, ich sehnte mich sowieso zurück nach Neapel.
Und selbst wenn ich völlig erfolglos irgendwelche Ringe auf ominösen Plätzen suchen würde, würde daraus zumindest eine gute Geschichte werden (ich kann überhaupt nicht mehr zählen, wie viele gute, verrückte Entscheidungen in meinem Leben ich getroffen habe mit dem Argument „gute Geschichte“).
Als ich im Mai dieses Jahres dann wieder in der Stadt ankam, begann ich nach ein paar Tagen, den Stadtplan zu studieren. Eine Piazza mit einem auch nur annähernd ähnlichen Namen konnte ich nicht finden, also versuchte ich es als nächstes mit Parks und fand, dass der „Parco Virgiliano“ der Sache nah genug kam. An einem sehr heißen, gleißend hellen Tag fuhr ich mit der U-Bahn hinunter zum Meer und fand nach kurzem Suchen auch den Eingang zu dem Park, der nach dem Dichter Vergil benannt war. Dieser Park war ein seltsamer Ort: Ein zwischen Mauern eingezwängter Urwald, in dem sich der abgesperrte Eingang einer Art Höhlenkirche befand. Außerdem ein runder Turm, unter dem angeblich Vergil begraben liegt und die strahlend weiße Grabsäule von Giacomo Leopardi.
Wie ich den Ring tatsächlich wiederfand
Bis dahin war das Ganze mehr ein Spaß gewesen, aber als ich diesen Park betrat, fing mein Herz heftig zu klopfen an. Und dann geschah es: Ich ging um Leopardis Grabsäule herum und stand vor einer in der Wand eingelassenen Marmorplatte, auf der ein Ouroboros eingearbeitet war (das Symbol einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt). Und ehe ich auch nur ein mentales Konzept dazu hatte, wurde mein ganzer Körper von einem heftigen Weinen geschüttelt. Erst nach einer Weile wurde es mir klar: Natürlich, der Ouroboros war ein Ring. Wenn auch in völlig anderer Form als erwartet.
Eine ganze Weile saß ich dort und weinte, ohne richtig zu wissen, wieso. Währenddessen füllte sich der Park mit Italienern, die sich aber kaum darüber zu wundern schienen. Ich hörte, wie einer zum anderen sagte: „Schau mal, da ist das Mädchen, das vorher geweint hat, weil Leopardi tot ist…“

Ich verließ den Park ganz schön erschüttert und scheute mich danach erstmal, auch nach der Kirche zu suchen. Aber zu dieser Zeit lernte ich gerade Emotion Code, eine Methode, um abgelagerte Emotionen aus dem Körper zu befreien. Und nachdem ich mal wieder eine Session gegeben hatte und mir danach kotzübel war hatte ich genug und machte mich auf den Weg.
Mit der Kirche verhielt es sich ganz anders als mit dem Park. Es gibt in Neapel sogar drei Kirchen, die vom Namen und von der (in diesem Fall sehr exakten) Beschreibung genau passend sind. Die erste davon war baufällig und abgeschlossen. Aber in der zweiten standen die Türen offen und ein gutmütiger Pfarrer versuchte, eine Horde Kinder zu bändigen, die über die Bänke turnten und in das Mikrofon am Altar sprachen.
Eine ganze Weile saß ich bloß da, bis die Kinder schließlich verschwanden. Von da an sind meine Erinnerungen verschwommen. Sicher ist, dass ich vor einer weißen Marienstatue auf dem Boden gekniet bin und dass der Pfarrer leise durch die Kirche ging und alle Lampen löschte, bis nur noch durch die halbgeöffnete Tür und die hohen Fenster etwas Licht kam. Währenddessen wurde die Kirche voller und voller: Eine wahnsinnige Anzahl von Gestalten, eine schnelle Abfolge von Bildern und vor allem sehr, sehr viel Licht. Und irgendwann stolperte ich nach draußen in die nachmittägliche Hitze und ging wie im Traum die Straße hinunter. Mein Körper fühlte sich fremd an, ungewohnt, ohne dass ich hätte sagen können, warum oder was ich genau in dieser Kirche getan hatte.
Sicher ist, dass in diesem Moment eine tiefgreifende Veränderung begann. Zuerst einmal verschwand die zeremonielle Übelkeit. Und dann geschah etwas mit der Art, wie ich mich traute, mit Menschen in Kontakt zu gehen. Die Lebensgeschichten anderer nicht nur anzuhören, sondern auch darauf Einfluss zu nehmen vielleicht. Die Energie in einem Raum bewusst zu verändern und auch zuzugeben, dass ich die Ursache davon war. Ein unerklärlicher Zwang zu schweigen – gegen den ich angekämpft habe, seit ich denken kann – war einfach verschwunden.
Wie ich meine Arbeit verlor und meine vererbten Traumata auflöste
Zum Ende des Sommers war klar, dass ich mein Leben ändern musste. Bis dahin war ich sehr zufrieden gewesen: Ich machte regelmäßig Promotion- und Eventjobs, eine Arbeit, die zwar oft völlig sinnlos war, aber mir genug Flexibilität ermöglichte, um zu schreiben und zu reisen. Ich hatte mir die Freiheit genommen, mit dem, was mir wichtig war, kein Geld verdienen zu müssen. Aber umso mehr Klarheit ich erreichte, umso deutlicher fühlte ich, dass die Hälfte meines Lebens nicht reichen würde, um richtig groß zu träumen.
Eine Entscheidung mit Folgen
Anfang Oktober fasste ich den klaren Entschluss, einen Weg zu suchen, diese Promo-Jobs durch etwas Sinnvolles zu ersetzen. Das Leben antwortete mir sofort – und zwar, indem in diesem Monat jeder einzelne meiner Jobs kurzfristig und unter ganz absurden Bedingungen abgesagt wurde. Etwas, was in den eineinhalb Jahren davor kein einziges Mal vorgekommen war. Ich war verzweifelt. Ja, ich wollte Veränderung. Aber doch nicht so! Irgendwie blieb mir dann aber nichts anderes übrig, als zu vertrauen.
Vielleicht hatte das Leben einen Plan für mich, und vielleicht war ich nicht klug genug, um diesen Plan zu erkennen. Aber immerhin so schlau, mich nicht dagegen zu wehren.
Denn im Oktober geschah noch etwas: Mark und seine Geschäftspartnerin lernten auf einer Veranstaltung Karin Maria Hafen kennen, eine Frau, die eine Methode zum Auflösen vererbter Traumata entwickelt hat. Das war ungefähr alles, was ich an diesem Punkt von ihr wusste. Aber irgendwie kam es dazu, dass wir alle gleichzeitig in Italien waren und sie uns zu sich an den Comer See einlud, um uns in dieser Methode zu unterrichten.
History Clearing am Lago di Como
Da waren wir also: In einem kleinen Dorf am Seeufer, wo ein Fluss rauschend in den Lago di Como stürzt, die umliegenden Berggipfel verborgen hinter schweren Wolken, zwischen denen ab und zu kraftvoll die Sonne hindurch brach. Mein dritter Job war gerade abgesagt worden, aber in dieser Umgebung fühlte sich die Verzweiflung darüber nicht richtig real an. Und schon im ersten Moment, als Karin uns in ihrer kleinen Ferienwohnung begrüßte, spürte ich, dass etwas Wichtiges geschehen würde.
Ich wurde nicht enttäuscht. Aus der Epigenetik wissen wir, dass traumatische Erfahrungen unserer Ahnen in uns abgespeichert sind – bei sieben bis zehn Generationen vorher ist das ein Haufen Menschen, deren Geschichten auf uns Einfluss haben, ohne dass wir sie unbedingt kennen. Das History Clearing ist eine genial simple und wirksame Methode, um diese abgespeicherten (Überlebens-)Muster aufzulösen und frei zu werden für den eigenen Weg.

Wie ich meine Angst verlor
Um zu zeigen, was für massive Auswirkungen das haben kann, erzähle ich am Besten das, was ich selbst seit diesem Oktober erlebt habe: Ich war als Kind extrem schüchtern und auch, wenn ich viel davon überwunden habe, hatte ich bis dahin immer noch extremes Lampenfieber und hätte mich niemals getraut, eine Gruppe anzuleiten oder vor anderen Menschen eine Zeremonie durchzuführen. Noch im September, als ich die ersten Folgen meines in diesem Jahr erschienenen Podcasts aufnahm, litt ich dabei an Angstattacken. Eine Angst, die sich, auch wenn ich keine rationale Erklärung dafür hatte, anfühlte wie Todesangst. Als würde ich sterben, wenn ich öffentlich spreche.
Als wir an diesem Wochenende mit der Ausbildung begannen, testete ich positiv auf beinah jedes Muster in Karins Liste. Und in der Auflösung wurde klar: Bei vielen davon handelte es sich um Bestrafungen, die Menschen üblicherweise für Sichtbarkeit bekommen, wie etwa den Pranger oder die Hexenverbrennung.
Mit all diesen präsenten Erinnerungen in meinem Körper war es kein Wunder, dass ich mein ganzes bisheriges Leben gegen diese irrationale Angst gekämpft hatte.
Folgende Dinge geschahen nach diesem Wochenende in Italien: Eines Morgens fragte Mark mich, ob ich spontan die Sitzungen mit zwei seiner Klienten übernehmen könnte und ich sagte ja, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich wurde für mehrere Seminarassistenzen angefragt und freute mich einfach. Ich postete Dinge auf Social Media, die mir gerade einfielen, ohne vorher zwei Stunden zu überlegen, ob es okay war, das zu sagen. Ich buchte ein Erste-Klasse-Ticket für den Zug, was mir vorher nie eingefallen war, weil ich so ein umfassendes Gefühl gehabt hatte, da „nicht hinzugehören“. Und all meine Sinne waren wie hochgedreht. Als wäre ich bis dahin ein bisschen blind und taub gewesen.
Kurz: Dieses eine Wochenende hat in mir nochmal eine große und schnelle Veränderung angestoßen. Natürlich habe ich danach sofort die Ausbildung gemacht und bin seit Dezember zertifizierter History-Clearing-Coach. Die letzten Monate habe ich regelmäßig behandelt und bin beeindruckt von den Ergebnissen. Wie es damit jetzt weitergeht – das war eine der großen Fragen zum Jahresende. Mehr dazu im Ausblick zu 2025.
Mein Fazit von 2024
Worauf bin ich 2024 stolz?
Ich habe ein Bild für das, was 2024 mit mir passiert ist: Ich denke daran, wie die beiden Bildhauer Cristina Löwy und Rob Mayo bei dem Künstler-Retreat im Juni mit Hammer und Meißel an ihren Steinskulpturen gearbeitet haben. Ich habe gehört, die Skulptur ist in einem Stein schon vorhanden – der Bildhauer nimmt nur das unnötige Material weg. Und genauso fühlt mein Jahr sich an. Als habe ich die ganze Zeit nichts anderes getan, als überflüssiges Material wegzunehmen.
Und hey, ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich fühle mich so schön und stark wie noch nie. Ich renne durch den Wald und mein Mantel flattert hinter mir her. Ich habe so viele Ideen zum Jahresende, dass ich schweren Herzens Prioritäten setzen muss. Ich habe Klarheit gewonnen als Künstlerin. Ich habe entdeckt, dass ich eine begabte Energetikerin bin und dass meine Erinnerungen viel weiter zurückreichen als nur bis zu einem Leben. Ich glaube nicht mehr, dass ich zur falschen Zeit geboren bin und nicht in diese Welt gehöre. Ich glaube, dass ich Teil von etwas Neuem bin. Und ich traue mich, diese Worte zu schreiben.
Was habe ich 2024 über mich selbst gelernt?
Die vielleicht größte Sache, die ich dabei über mich gelernt habe, ist folgende: Wie sehr ich mich selbst durch Moral vom Wachsen abhalte.
Am Tiefsten begriffen habe ich das durch einen Roman, den ich seit ein paar Monaten lese: „L’Arte della Gioia“ (Die Kunst der Freude) von der sizilianischen Schriftstellerin Goliarda Sapienza. Das Buch wurde wegen seiner konsequenten Immoralität von allen Verlegern abgelehnt und erst 1998 posthum veröffentlicht. Sapienza hat mit ihrer Protagonistin Modesta eine Frauenfigur geschaffen, die auch ein halbes Jahrhundert später die Kraft hat, mir beim Lesen den Atem zu nehmen. Dieses Buch, das ist, als würde ich in einen Spiegel schauen und plötzlich alles an mir sehen, vor dem ich mich fürchte. Und das Bild ist so schön, dass ich mich nicht abwenden kann.
Durch Modesta sehe ich, wie oft in meinem Leben ich meine Intelligenz verwende und sogar manipuliere, um zu bekommen, was ich will – nur dass sie diesen Umstand nicht vor sich selbst verbirgt. Und wie oft meine Gefühle nur sentimentale Wiederholungen von Konventionen sind – jedesmal, wenn ich eine bestimmte Reaktion als die einzig mögliche erwarte und Modesta dann das völlige Gegenteil tut.

Diese skrupellose Lebensverbundenheit, die sogar bereit ist, zu töten, um neues Leben zu ermöglichen, ist weit weg von nett und korrekt. Und ich fange an, eine Radikalität in mir zu begreifen, die ich bis jetzt einigermaßen versteckt gehalten habe.
Und ist es nicht verrückt, dass es bei allem, was dieses Jahr passiert ist, erst ein Buch gebraucht hat, um das zu begreifen? Das ist, was Literatur tut im besten Fall: Sie verändert unser Bewusstsein. Nicht durch theoretische Konzepte, sondern dadurch, dass sie mit Worten eine neue Straße in unserem Bewusstsein öffnet und ein Erleben ermöglicht, was sonst nicht zugänglich gewesen wäre. Das ist es, was ich auch tun will.
Wofür bin ich 2024 besonders dankbar?
Alles, alles, alles. So ein gutes Jahr. Und vielleicht ist es das, wofür ich am Ende am meisten dankbar bin: Die Welt ist so in Veränderung und ich kann bis jetzt gut mit dieser Veränderung mitgehen.
Für viele Menschen in meinem Umfeld war dieses Jahr 2024 herausfordernd bis an die Grenze des Ertragbaren. Sicherheiten sind schmerzhaft weggebrochen. Nichts ist unter Kontrolle geblieben, nichts ließ sich mehr deckeln, fast jeder Schmerz ist ans Licht gekommen. Immer wieder habe ich von riesigen Wellen geträumt, die vom Meer ins Landesinnere drücken, Flüsse, die bergaufwärts fließen. Und ich kann auch gar nicht zählen, wie oft ich mich gefragt habe, ob der Krieg bald kommt. Oder der Kollaps der Finanzsysteme. Oder ein zweites Corona. Eigentlich lebe ich seit dem ersten Corona immer in Erwartung der nächsten Katastrophe.
Und gleichzeitig habe ich in diesem Jahr mehr aus Fülle gelernt als aus Schmerz. Und ich kann mir nicht helfen, ich habe eine irre Hoffnung für die Welt. Ein Teil von mir ist nicht mehr in der Lage, an die Katastrophenerzählung zu glauben. Wer jeweils versucht hat, ein Zimmer komplett abzudunkeln, weiß, was für ein Aufwand es ist, das Licht draußen zu halten. Auf Dauer wird das nicht gelingen, oder?
Liste der Dinge, die ich nicht mit nach 2025 nehme:
- Die Angewohnheit, bei jedem Essen darüber nachzudenken, ob ich es mir leisten kann
- Tödliche Angst vor Sichtbarkeit
- Die Unschuldige spielen
- Keinen Sport mögen
- Sexualität als Nebensache betrachten und nicht akzeptieren, wie essentiell sexuelle Energie für meine Lebensfreude ist
- Zu denken, ich müsste mit dem Rauchen aufhören wollen
- Überall nur Gast sein zu wollen
- Immer das Leben für mich entscheiden lassen
- Das Verbot, eine Szene zu machen
- Kleider tragen, die ich nicht mag, nur, weil ich sie geschenkt bekommen habe
Mein Ausblick auf 2025
Was ich 2025 anders mache
Die vielleicht größte Veränderung, die ich mir für 2025 vornehme, ist: Ich möchte wieder sesshaft werden.
Seit Anfang 2020 lebe ich im Grunde aus dem Rucksack. Auch wenn ich mal irgendwo geblieben bin, war das immer nur vorübergehend gedacht. Mir war Freiheit wichtig, ich hatte eine starke Abneigung gegen jeden überflüssigen Besitz und die Verantwortung, die damit einhergeht. Ich musste frei sein, um so viel zu erfahren wie möglich.
Gerade ändert sich da etwas. Zum einen in mir: Seit einigen Monaten wird der Gedanke, etwas zu machen, etwas aufzubauen, etwas zu fokussieren, immer anziehender. Ich brauche nicht mehr endlos neue Inspirationen. Ich bin exzentrisch genug geworden, jetzt will ich kreieren. Aber Kreation braucht Fokus, Einlassen, Verantwortung. Eigentlich fast eine Art Elternschaft für meine Projekte.

Und im Außen habe ich eben seit diesem Jahr einen Partner. Mit dem ich sehr viel Zeit verbringen will. Alltag. Und der außerdem an einem ganz besonderen Ort lebt und mit Menschen, die ich mittlerweile wirklich gerne habe: Burg Rupprechtstein östlich von Nürnberg. Irgendwo hier will ich bleiben, auch wenn ich noch nicht ganz genau weiß, wie das aussehen wird. Und auch, wenn der Gedanke nach Jahren des Herumziehens durchaus ein bisschen Überforderung in mir auslöst.
Diese großen Projekte gehe ich 2025 an
Wie ich schon angedeutet habe: Zum Ende dieses Jahres musste ich wirklich Prioritäten setzen. Meine Liste der Ideen und Träume ist größer als meine Zeit – aber ich weiß auch, dass das, was wirklich wichtig ist, auch irgendwann wieder kommt. Was ich 2025 tun werde, ist folgendes:
- Ich werde an dem albanischen Romanprojekt weiterarbeiten. Bis das Buch erscheint, wird es sicher noch dauern, aber: Ich plane, die Veranstaltung dazu, die ich im Juni in Gresgen hatte, zu wiederholen und damit regelmäßig aufzutreten. Diese Lesung war ein richtiges Highlight und hat die Menschen im Publikum tief berührt.
- Mein Podcast über kollektive Traumata (Reclaiming the Shadow) wird ab jetzt regelmäßig neue Folgen bekommen und ich werde darauf fokussieren. Den Blog wird es weiterhin geben – allein schon deshalb, weil ich beim Schreiben denke – aber der Podcast wird zukünftig der Fokus sein. Heute also Morgen ist nun mal leider Gottes ein Reiseblog, und so, wie mein kommendes Jahr im Moment aussieht, werden nicht mehr alle meine Themen diesem Fokus gerecht werden.
Und die Energiearbeit? Das History Clearing? Tja, ich bin und bleibe Künstlerin. Und ein Coachingbusiness baut man sich nicht nebenbei auf. Gleichzeitig ist dieser Teil von mir so präsent, dass er in alles einfließen wird, was ich tue. Ich werde auch in 2025 zeremoniell unterwegs sein, ich werde mich im History Clearing und in der Energiearbeit weiterbilden und wenn ich sehe, dass ich gebraucht werde, werde ich Menschen weiterhin helfen. Ich verstehe Kunst als Bewusstseinsarbeit – die Grenzen zur Energetik sind fließend. Für alle weiteren aufregenden Ideen dazu, die gerade in mir entstehen, wird der Tag kommen.
So können wir 2025 zusammenarbeiten
Meine Veranstaltung zu meinem Albanien-Projekt „Das Paradies und seine Dunkelheit“ ist ein etwa zweistündiges Bühnenprogramm mit Lyrik, Auszügen aus dem Manuskript und Geschichten von meiner Recherche nach Albanien. Hier freue ich mich über Kooperationsanfragen von interessanten Kulturorten!
In meinem Podcast geht es um das Thema kollektive Traumata und alles das, was uns gesellschaftlich erstmal normal vorkommt, aber eigentlich auch ganz anders ginge. Hier möchte ich in 2025 regelmäßig Interviews führen. Wenn du etwas dazu zu sagen hast, nimm sehr gerne Kontakt mit mir auf.
Und last but not least. Eine Sehnsucht, die ich schon lange habe, ist eine Gemeinschaft von gleichgesinnten Künstlern. Im klassischen Literaturbetrieb ist es eine Seltenheit, Menschen zu finden, die nicht nur die Form von dem verstehen, was ich mache, sondern auch die Vision dahinter. Wenn es dir auch so geht, dann melde dich bitte sofort, ich habe keine Lust mehr, alles alleine zu machen.
Du bist neugierig, wie es weitergeht?


Hinterlasse eine Antwort zu Birgit Antwort abbrechen