Wie frei ich bin, das habe ich dann gelernt, als meine Freiheit zum ersten Mal sichtbar beschnitten wurde.
Ich war zwanzig Jahre alt und mit meinem damaligen Partner gerade erst auf meine große Reise aufgebrochen. Wir standen in seinem ausgebauten Lieferwagen – ein aufsehenerregendes Fahrzeug mit einem Holzaufbau auf der Pritsche – an einem portugiesischen Stausee. Draußen war es schon dunkel. Ich wäre eingeschlafen, hätte mein Freund nicht plötzlich von seinem Handy aufgeschaut und mit Grabesstimme gesagt: “Die haben die Grenzen geschlossen.”
“Die haben was?”
“Die Grenzen. Geschlossen.”
Freiheit als staatliches Privileg
Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, diesen Satz eines Tages zu hören.
Corona hatte vor einer Weile begonnen, als Abstraktion in den Medien, die ich genau so wenig ernst nahm wie früher die Schweinegrippe oder die Vogelgrippe oder Masern-Epidemien. In meiner Familie wurde nicht geimpft und Krankheiten waren selten. Angst vor Keimen gab es nicht und uns das Essen von Walderdbeeren aus Furcht vor Tollwut zu verbieten, wäre meinen Eltern nicht in den Sinn gekommen. Angst davor zu haben, krank zu werden, war mir einfach nie beigebracht worden. Und so gingen mich die Medienberichte über die neue Krankheit gefühlt gar nichts an.
Aber die Grenzen. Das war eine andere Geschichte. Das war plötzlich real spürbar.
Ich hatte erst vor einem Jahr die Schule beendet. Und in der Schule hatte ich 13 Jahre lang gelernt, dass “Freiheit” ein Privileg des Staates sei, in den ich hineingeboren worden war. Noch in der letzten Stunde meines Leistungskurses Sozialkunde hatte uns der Lehrer eingebläut, dass wir “unsere Freiheit verteidigen müssten”. Wir sollten das tun, indem wir wählen gingen und unsere Stimme dabei auf keinen Fall der AfD gäben.
Alle hatten wir ernst genickt. Dieser Lehrer war ja ein kluger Mann. Aber worin bestand denn nun jene Freiheit, zu deren Verteidigung ich in der Schule erzogen worden war? Diese Freiheit im politischen Sinn beschrieb eigentlich bloß ein Set von Privilegien: Wohlstand. Sicherheit. Das Recht, zu sagen, was ich denke, ohne Angst zu haben. Das Recht, zu reisen, wohin ich will.
“Unsere Freiheit zu verteidigen”, das klang nach etwas Großartigem, Heldenhaften. Aber im Rückblick denke ich: Wir hätten genauso gut sehr nüchtern sagen können, wir “verteidigen unsere Privilegien”. Und das wäre akkurater gewesen.
Kann Freiheit als Ware behandelt werden?
Das Problem dabei: Privilegien werden uns von außen gegeben. Und sie können uns von außen wieder genommen werden.
Dass das so war, das sollte ich in den Jahren nach der Schließung der Grenzen erfahren.
Von einem Moment zum anderen war die Sache mit der Reisefreiheit aufgehoben. Dann spitzte sich die Situation zu. Als im Winter 2022 mein Opa starb und ich überstürzt nach Deutschland zurückkehrte, um mich um meine bettlägerige Oma zu kümmern, fühlte ich mich nicht mehr sicher, zu sagen, was ich denke. Niemand musste dafür offiziell das Recht auf Meinungsfreiheit aufheben. Es reichten die bitterbösen Kampagnen gegen die “Impfgegner” jeden Abend im Fernsehen. Es reichten Zugfahrten, in denen mir die Frau gegenüber erzählte, sie sei auch froh, dass Ungeimpfte ohne Test hier nicht mehr mitfahren dürften. Es reichte eine stetige Verschärfung der Regeln erst für alle, dann für manche, ohne Gewissheit, bis wohin diese Verschärfungen gehen könnten.
Heute erscheint mir das fast schon wieder surreal, aber in diesem Winter spielte ich in meinem Kopf Szenarien durch wie: Was würde ich tun, wenn die Impfverweigerung irgendwann bedeuten würde, dass ich ins Gefängnis oder in die Psychiatrie eingeliefert werden würde?

Wie weit würde ich gehen, welche Konsequenzen bin ich bereit zu tragen? Innerhalb von zweieinhalb Jahren hatte sich in Deutschland dermaßen viel verändert, dass ich nichts mehr für unmöglich hielt.
Corona hatte also zu einer Situation geführt, in der viele der Privilegien, die ich für meine “Freiheit” gehalten hatte, verschwanden. Der größte Teil der westlichen Welt schien sich in ein riesiges Wartezimmer verwandelt zu haben, in dem alle permanent auf die Rückkehr dessen warteten, was sie als das “normale Leben” bezeichneten. Vielleicht im Frühling. Vielleicht nächstes Jahr. Vielleicht wenn die Impfung da ist. Nur noch eine Einschränkung mehr, nur noch ein weiteres Zugeständnis und dann, dann sind wir endlich wieder frei.
Die “Freiheit”, die wir angeblich verteidigen sollten, machte Menschen auf einmal erpressbar. Ich beobachtete, wie Menschen sich gegen ihr inneres Gefühl von der Impfung überzeugen ließen, um wieder ins Restaurant gehen zu können. Und danach umso überzeugter die Meinung vertraten, das sei schon alles richtig so und es ginge ja nicht anders.
Und ich kam zu der Überzeugung: Irgendwas kann doch nicht stimmen mit einem Freiheitsbegriff, der wie eine Ware behandelt werden kann.
Die Umstände, in denen die Geschichte uns findet
Nicht sofort natürlich. Woher kam diese Radikalität in mir? Manchmal denke ich, es war reiner Zufall, etwas wie Charaktereigenschaften und Lebensumstände, die dann zu Erfahrungen führten, auf deren Grundlage ich nicht mehr anders handeln konnte. Die albanische Philosophin Lea Ypi sagt, wir suchen uns die Umstände nicht aus, unter denen wir Geschichte machen. Geschichtliche Ereignisse brechen über unsere kleinen Leben herein und sie finden uns vor in den Umständen, in denen wir dann gerade eben sind.
Bei mir begann es mit Trotz, einer Art enttäuschtem Entitlement. Ich handelte dem Staat gegenüber wie ein Teenager, der seinen Eltern vorwirft, ihre Versprechen nicht gehalten zu haben. Nach der anfänglichen Phase der Erstarrung dachte ich: Ihr könnt mir gar nichts verbieten. Dann gehe ich eben heimlich über die Grenze. Und vor dem Verlust welcher Sicherheit hätte ich mich eigentlich fürchten sollen in der Lebenssituation, in der ich war: Aufgebrochen auf eine Reise ohne jeden Plan, ohne eine Idee, was ich tun würde, wenn meine kleinen Ersparnisse aufgebraucht wären, ohne festen Job, ohne Menschen, die von mir abhingen?

Das trotzige Festhalten an “meiner Freiheit” (bzw. einfach meinem wichtigsten Privileg: Zu reisen) führte in der Folge dazu, dass ich mich viel in Ländern in Südosteuropa aufhielt. Ländern, in denen das Vertrauen in den Staat viel zu gering war, um Maßnahmen so durchzusetzen wie im reichen Westen. Und in denen in der Folge die Menschen keineswegs wie die Fliegen starben, sondern zum größten Teil ganz normal weiter lebten. Während in Deutschland alle immer kränker zu werden schienen, seelisch und körperlich. Bei aller Verletzung darüber, nicht mehr dazuzugehören: Wie hätte ich mit diesen Lebenserfahrungen bei meiner Rückkehr nach Deutschland noch ernsthaft daran glauben können, dass irgendeine dieser Maßnahmen sinnvoll war?
Manchmal suchte ich verzweifelt nach Argumenten gegen meine Position. Es wäre erleichternd gewesen zu denken, dass ich mich geirrt hatte. Als die Taz einen kostenlosen Leitfaden anbot, um “Corona-Leugner zu überzeugen”, bestellte ich mir den sofort. Doch zu meiner Enttäuschung fand ich darin nur Polemik: Kein einziges der Argumente der Impfgegner war ernsthaft aufgegriffen worden, was die Voraussetzung gewesen wäre, um etwas zu widerlegen. Wer immer das geschrieben hatte, schien mich für ein völlig irrational handelndes Wesen zu halten.
Auf Basis von dem, was ich sah und hörte, war ich zu dem Schluss gekommen, dass die Impfung zumindest sinnlos und wahrscheinlich gefährlich war. Und in meiner Integrität musste ich mich deshalb der Impfung verweigern: Für meine eigene Gesundheit und um durch mein Mitmachen nicht den Druck auf andere zu erhöhen, die durch ihre Lebensumstände angreifbarer waren als ich.
Die Freiheit im größten Moment der Unsicherheit
In diesen Jahren erlebte ich ein Maß an Unsicherheit und Herausforderung, was es in meinem Leben bis dahin nicht gegeben hatte. Ich traf Entscheidungen und ich trug die Konsequenzen.
Irgendwie war ich aus dem Sicherheitsnetz gefallen, was mich bis dahin gehalten hatte. Und hier ist der Punkt, auf den ich mit dieser Geschichte hinaus will: Noch nie vorher hatte ich mich so frei gefühlt.
Nie fühlte ich mich so umfassend frei wie in den bitterkalten mazedonischen Nächten, in denen wir wie streunende Katzen durch Hinterhöfe und Treppenhäuser schlichen, bis wir verstanden, dass in der menschenleeren Stadt auch keine Polizei unterwegs war, um die Ausgangssperre zu überwachen.
Oder als ich auf dem Berliner Weihnachtsmarkt Schnaps verkaufte, ständig in Furcht vor einer Kontrolle meiner Papiere.
Oder an dem Morgen in Marokko, als ich keinen einzigen Cent mehr besaß und wusste, dass ich hungrig bleiben würde, wenn mir niemand etwas schenkte.
Was alle diese Momente gemeinsam hatten: Mir war in völliger Klarheit bewusst, dass das, was ich erlebte, die Konsequenz meiner eigenen Entscheidung war.
Warum wir die Watte wegnehmen müssen
Mir kam es manchmal vor, als sei ich in meinem bisherigen Leben in Watte gepackt gewesen. Die Krise riss diese Watte weg. Sie riss den Menschen und Strukturen die Masken herunter. Sie forderte Entscheidungen, deren Konsequenzen direkt und sichtbar waren. Der Druck von außen brachte mich in eine Situation, in der es unmöglich war, mich NICHT zu entscheiden, mich NICHT zu positionieren. Daran konnte auch die plötzliche Inflation von Aussagen wie “So sind die Regeln” oder “Ich mache hier nur meinen Job” nichts ändern. Wie sich jemand zu Corona positionierte, war eben ganz offensichtlich keine persönliche Entscheidung – sonst hätte es keine Notwendigkeit gegeben, diese Entscheidungen öffentlich so massiv zu diskutieren. Was hier entschieden wurde, war eine gesellschaftliche Veränderung. Und was ich tat oder nicht tat, mochte vielleicht ganz persönliche und verständliche Beweggründe haben. Es war trotzdem eine Entscheidung mit geschichtlichen Konsequenzen.
Diese Art der Freiheit ist alles andere als bequem. Sie ist roh, schmerzhaft und endlos aufregend. Diese Art der Freiheit wird nicht gegeben oder genommen. Sie wird verleugnet – oder entwickelt.
Das ist die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, ohne die Verantwortung dafür nach außen abzuwälzen. Die Freiheit, sich zu irren. Die Freiheit, etwas Dummes zu tun oder egoistisch zu handeln oder zu scheitern. Die Freiheit, keine Schicht aus Selbstmitleid über die Konsequenzen zu legen. Die Freiheit, nicht zu den Guten zu gehören.

Und das habe ich ja nicht erfunden. Natürlich nicht. Was ich gerade zu beschreiben versuche, dürfte sich mit dem existenzialistischen Freiheitsbegriff ziemlich decken. Aber erst durch Corona habe ich verstanden, warum der Existenzialismus in einer Zeit von Faschismus und Krieg entstanden ist. Und warum auch ich eine gesellschaftliche Krise gebraucht habe, um nicht nur theoretisch zu verstehen, dass Freiheit kein Privileg ist. Und dass es dort, wo Freiheit als solches behandelt wird, meistens um das Durchsetzen von staatlichen Begrenzungen geht.
Du willst wissen, wie es weitergeht?


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